Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Albrecht von Bonstetten
  
Quelle Nr. 015

  

  
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Zeit: Silvester (31. Dezember) 1478 – und: 26. Mai 1485
  
Herkunft: zweisprachige (lateinisch-deutsch) Papierhandschrift in Nürnberg (Kreisarchiv), «Losungsamtliche Reverse», Rep. 93, Nr. 19; – b) Begleitschreiben an den Rat von Nördlingen, Stadtarchiv Nördlingen, Missive 1485, fol. 501 (der Bericht selber ist hier nicht mehr vorhanden)
  
Kommentar: Die Schilderungen in diesem Bericht sind sehr genau und darum historisch zuverlässig. Jedenfalls hatte von Bonstetten von Anfang an die Absicht, zu recherchieren und die Berichte dann der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Anders ausgedrückt: Albrecht von Bonstetten war der erste Journalist, der mit Bruder Klaus selbst gesprochen hat. Sein Bericht ging dann auch weit in die damalige Welt hinaus, bis nach Mailand und Venedig (vgl. Quelle 016 u. Quelle 070). Eine Abschrift sandte von Bonstetten sogar an König Ludwig Xl. von Frankreich. Eine zweisprachige, lateinisch-deutsche, Fassung sandte er 1485 an die Stadtbehörden von Nürnberg. Ein weiteres zweisprachiges Exemplar erhielt das Kloster St. Gallen sowie ein deutsches Exemplar die Stadt Nördlingen etc.
  
Albrecht von Bonstetten (um 1443 in Uster geboren) hatte übrigens einen Bruder, Andreas Roll von Bonstetten († 1496), der wiederum 1463 Johanna von Bubenberg geheiratet hatte, die Schwester des Adrian I. von Bubenberg. So liesse sich vermutlich auch erklären, warum Albrecht v. B. bereits vor seinem Besuch im Ranft sehr viele Einzelheiten über den Eremiten Klaus von Flüe kannte, nämlich über den guten Freund und Beschützer des Eremiten, Adrian von Bubenberg, der öfter als nur am 27. April 1469 im Ranft weilte (vgl. Quelle 004). – Beide aus Uster stammenden Brüder, Albrecht und Andreas, erhielten in Bern das Bürgerrecht, Andreas wurde da in die Gesellschaft zum Distelzwang aufgenommen. Die Familie von Bonstetten schloss sich später in Bern der Reformation an.
  
Andreas Roll von Bonstetten war als Freiherr zu Uster zudem Vasall des Herzogs Sigmund von Österreich und musste deswegen in den Burgunderkriegen (Kriegszug nach Besançon, Freigrafschaft Burgund, Herbst 1474) aus eigenem Bestand 100 Pferde und 4000 Mann (heute entspräche das der Stärke einer Brigade) stellen, die er selbst kommandierte, gleichsam in der Funktion eines österreichischen Brigadegenerals, was dann jedoch zur finanziellen Krise führte, da der Erzherzog die geschuldete Entschädigung von 32’000 Gulden nicht zahlen konnte (vgl. auch Quelle 018) und dessen Nachfolger, Maximlian (der spätere Kaiser), nicht wollte, trotz Unterstützung der Eidgenossenschaft bei der Schuldeneintreibung. Vor der militärischen Expedition verpfändete der Freiherr seinen Besitz in Uster an die Stadt Zürich für 5000 Gulden, was allerdings bei weitem nicht für die Aufwendungen des Zuges reichte. Es ist anzunehmen, dass der Schwager, Adrian von Bubenberg, ihm Geld geliehen hatte oder für eine Bürgschaft einstand und sich dieser so selbst in hohem Masse verschuldete.
  
In der Reisegruppe am Silverstertag 1478 mussten sich bedeutende Persönlichkeiten befunden haben, weshalb sich der Landammann Obwaldens veranlasst sah, die Besucher persönlich zu begleiten. Bleibt nur noch die Fragen offen: Wer? Und warum nannten alle wie im Chor Bruder Klaus einen «Christe Jhesu militem», einen «ritter Jhesu christi»? War etwa noch ein Ritter anwesend? Vielleicht ein Ritter vom Heiligen Grab?
  
Nicht zuletzt ist die Nachwelt dem Einsiedler Dekan dankbar, dass er über das Aussehen des Waldbruders so anschaulich berichtete. Die Farbe des Eremitenrocks von Bruder Klaus wird allerdings oft irrtümlich als «grau» beschrieben. Das Adjektiv im Text von Bonstetten «griseus» (grisea toga) existiert nicht im klassischen Latein, die Entstehung des Ausdrucks dürfte verwandt sein mit «greis» (alt). In der durch Bonstetten selbst angefertigten deutschen Textfassung ist die Rede von einem «grawen rock». Das Verb «grawen» wurde im Mittelalter vor allem gebraucht für «altern». Das heisst nun: Bruder Klaus trug einen «alten Rock» und nicht einen «grauen Rock». Wenn er seit seinem Weggang von zu Hause im Oktober 1467 tagein tagaus immer den gleichen Habit trug, dann war dieser 1478 bereits elf Jahre alt. Die Zeitangabe, Bruder Klaus würde seit 14 Jahren nichts mehr essen, stimmt wohl nicht, es müsste heissen: «11 Jahre».
  
Für Albrecht von Bonstetten, aus der Familie der Freiherren von Uster stammend, war ein Punkt im Hinblick auf Bruder Klaus sehr wichtig: Er selbst pflegte nämlich viele internationale Beziehungen. Durch ihn wurde der Eremit im Ranft bis nach Venedig bekannt, durch ihn wurde Bruder Klaus in der internationalen Diplomatie und der Politik für den Frieden zu einem bedeutenden Faktor. Albrecht von Bonstetten erwähnt sogar als Erster: Bruder Klaus habe die Eidgenossen und alle, die ihn besuchten, eindringlich dazu ermahnt, den Frieden zu halten. D. h., wir haben hier die älteste Quelle, welche Bruder Klaus als Friedenstifter beschreibt. Dem Eremiten galt aber nicht nur der Friede als höchstes Gut, er lobte auch den Gehorsam. Dies ist ohne Zweifel ein Hinweis auf die Inqusition vom 27. April 1469 (Quelle 004), bei der der Schwager seines Bruder, Adrian von Bubenberg, anwesend war, und Weihbischof Weldner den Gehorsam zum Thema seiner Prüfung gemacht hatte. Bonstetten erwähnt diese noch im gleichen Abschnitt.
  
Bruder Klaus erlebte vor seinem Weggang von zu Hause schwere Depressionen, eine grosse innere Last drohte sein Leben zu ersticken. Wie er diesem elenden Zustand, diesem stürmischen Angriff gegen sein Leben entgehen konnte, beschreibt Bonstetten sehr eindrücklich: «Er wollte in die Einsamkeit gehen, diesem stürmischen Meer entfliehen zu einem stillen Ufer. Diese Ruhe gab ihm das milde Lämmlein, auf das der Täufer in der Wüste mit seinem Finger zeigte und von dem er sprach: ‹Siehe, das Lamm Gottes!›[Joh 1,29], ein Fersentreter, der ja in seinem Herzen ein- und ausging, wie er wollte, so dass er ausrief: 'O Herrgott, an dir allein hab ich mein Genügen.› » D. h. Bruder Klaus bekam Heil und Lebensfülle dadurch, dass er ununterbrochen das Leiden Jesu [Passion Jesu, Passion Christi, Leiden Christi] betrachtete (vgl. Quelle 005 und Quelle 055).
  
Der Dekan des Klosters Einsiedeln ist auch psychologisch versiert. Mit bemerkenswertem Feingespür erkennt er den Zusammenhang von Angst und Unruhe in Bruder Klaus und dem Heilmittel, der vertieften Freundschaft mit Christus als dem «Lämmlein» (Pessach-Lamm, vgl. Ex 12), dem Kernstück der christlichen Eucharistielehre. Die Imagination (Betrachtung) Jesu Christi in seiner Passion setzt in ihm heilende Kräfte frei. Das «Blut» des Lammes ist Heil und Schutz der Seele, weil es vor lebensbedrohenden Ängsten schützt, die aus dem Abgrund der Sinnlosigkeit aufsteigen. Das Leiden Christi, sein Kreuzweg und sein Kreuz, werden von Bruder Klaus als heilender Einbruch des Himmels in die Welt erfahren. Darum erklärt er auch später einem jungen Gottsucher aus Burgdorf (Quelle 047) den Sinn der Leidensbetrachtung: «Denn Gott weiß es zu machen, daß dem Menschen eine Betrachtung so schmeckt, als ob er zum Tanz ging …» Joachim Eichhorn, ein späterer Ranftkaplan, schreibt in diesem Zusammenhang ein überliefertes Ereignis nieder (Pariser Handschrift 1607), in dem Bruder Klaus entrückt war und in seiner Seele wohltuende Bilder aufstiegen (Imagination, Vision). Nach der Rückkehr in die reale Aussenwelt sagt er: Mine kind, ich bin zu dorff gesyn.» (Quelle 306) «Dorffen» bedeutet in der Obwaldner Mundart den Besuch eines Burschen bei seinem geliebten Mädchen.
  
Von diesem Jesus, dem Lamm Gottes, sagt Paulus zudem: Er ist das «Neue Pessach» [Pascha] (1 Kor 5,7). – Im alttestamentlichen Bezug ist es das Pessach des Volkes Israel, das am Abend vor dem Exodus das Pessachlamm isst und von dessen Blut am Türrahmen beschützt wird, dass der ihr Leben bedrohende «Würger» ihnen nicht das Leben nehmen kann (Ex 12); das Ereignis wird dann im Buch der Weisheit mehr psychologisch gedeutet, die Bedrohung des Erstickens durch Ängste aus der Tiefe der Seele, die von einer falschen Religiosität herrühren (Weish 17 und 18); doch da tritt eine untadelige Gestalt auf, die durch ein einziges Wort die tödlichen Mächte besiegt (18,21–25). In diesem Zusammenhang steht sicher auch das allgemein bekannte Gebet von Bruder Klaus «Mein Herr und mein Gott...» (Quelle 067).
  
Referenz: a) Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 81–90; – b) Begleitschreiben an den Rat von Nördlingen (26. Mai 1485), Rupert Amschwand, Ergänzungsband, 192 – Studie über Albrecht von Bonstetten: Regine Schweers, Albrecht von Bonstetten und die vorländische Historiographie zwischen Burgunder- und Schwabenkriegen, Studien und Texte zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit 6, Münster 2005, Dissertation Universität Münster 2002/2003

  

   a)
Hier in Obwalden ist Niklaus geboren, er stammt aus einer einfachen Familie mit dem Beinamen «von Flüe». Von Jugend an war er ein arbeitseifriger Bauer. Als er zum mannbaren Alter herangewachsen war, unterwarf er sich auch der Einrichtung der Ehe, obwohl er wusste, dass das Joch des Herrn weniger zweifelhaft und angenehm sei, wie es aus dem Munde Gottes heisst. «Wachset und mehret euch!» Unter diesem Joch hatte er keine dürren Zweige gepflanzt, denn er hatte in beiden Geschlechtern wohlgeratene, glückliche Kinder gezeugt. Er galt nie als Ehebrecher. In Streitereien und Kriegen war er selbst eher zurückhaltend, als dass er sich daran erfreute. Ehre und Reichtum begehrte er nicht, aber auch nicht die Armut. Er befolgte, was der Dichter Ovid riet: «Halte dich dazwischen, denn in der Mitte wandelst du am sichersten.» Die Zeitgenossen sahen und hörten von ihm Dinge wie über ein Meerwunder. Nachdem er lange Zeit ehrsam lebte, als beliebter Nachbar, als dankbarer Bekannter, durch und durch verlässlich, niemandem lästig, da begann er sich danach zu sehnen, aus dieser vergifteten Welt hinauszuziehen und ein Einsiedlerleben zu führen. Schon mehrere Jahre früher war in ihm der reine Vorsatz entfacht worden, leibliche Enthaltsamkeit zu üben und sich darin zu bewähren. Er erhoffte sich durch seinen Edelmut den teuflischen Höllenhund, unseren Feind, überwinden zu können. Wie hatte er ihn doch wie ein starker Löwe angebrüllt und angegriffen. Der demütige Gottesknecht betrachtete das göttliche Wort, und getreu dem Evangelium hatte er seine Ehefrau, sein Hab und Gut, alles, was ihm lieb und teuer war, verlassen. Er wollte in die Einsamkeit gehen, diesem stürmischen Meer entfliehen zu einem stillen Ufer. Diese Ruhe gab ihm das milde Lämmlein, auf das der Täufer in der Wüste mit seinem Finger zeigte und von dem er sprach: «Siehe, das Lamm Gottes!»[Joh 1,29], ein Fersentreter, der ja in seinem Herzen ein- und ausging, wie er wollte, so dass er ausrief: «O Herrgott, an dir allein hab ich mein Genügen.»
  
Nachdem er einen einsamen Ort gesehen hatte, um da Gott zu dienen, im rauhen Gebirge, in einem Wald, wo nur Kräuter und verdorrte Wurzeln waren, da wusste er nicht, in welcher Höhle er da unterkriechen sollte. Diese Zweifel blieben, bis dem Waldbruder schliesslich – wohl durch himmlische Eingebung – zumute war, einen tieferen Ort, wo er heute lebt, aufzusuchen, wie es in einem Psalm heisst: «Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn erkoren.» (Ps 132,14) Darauf wurde ihm bald eine Klause errichtet. Er übte sich in asketischer Enthaltsamkeit, in Speise und Trank, aber auch in anderen menschlichen Dingen. Man sagt über ihn, er hätte zunächst nur noch gedörrte Birnen und Bohnen, Kräuter und Wurzeln zu sich genommen sowie Wasser aus dem naheliegenden Bach getrunken, bis er sich schliesslich aller zeitlichen Speise enthalten hätte. Diese Kunde verbreitete sich allmählich bei den Talbewohnern: Niklaus sei ein Waldbruder geworden und nehme weder Essen noch Trinken zu sich. Und was unternahmen darauf der Landammann und die Ratsherren, als dies zuletzt auch zu ihren Ohren kam? Um sich Gewissheit zu verschaffen, liessen sie Tag und Nacht den Eremiten durch eingeschworene Wächter [Wachen, Überwachung] und Furcht erregende Männer umstellen, um zu sehen, ob ihm nicht jemand heimlich Speise und Trank brächte. Als man nun diese Angelegenheit höchst ernsthaft prüfte, erkannte man mit grösster Gewissheit, dass dem Bruder weder etwas Essbares noch etwas Trinkbares zugetragen wurden, und die Kunde davon verbreitete sich noch mehr, sogar im Ausland. Und hielt man dies vorher bloss für etwas Seltsames und wenig Beachtenswertes, so führte es jetzt mehr und mehr in den Herzen der Menschen zu höchster Bewunderung. Er lebte so kaum zwei Jahre, als viele Leute begannen, in die Einöde zu kommen, um ihn zu sehen. Seine Landsleute errichteten ihm eine Kapelle mit einer angebauten Zelle. Hier wohnte der genannte Bruder Niklaus.
  
Als ich davon hörte, drängte es auch mich, ihn zu sehen und meine Neugierde zu befriedigen. So schloss ich mich einer Reisegruppe an und gelangte zu seiner Abgeschiedenheit. Wie der Ort aussieht, was ich gesehen habe, wie seine leibliche Erscheinung, Worte und Gebärden – «liebe Herren und gute Freunde» – wirken, möchte ich hier kurz schildern. Die einsame Gegend: Als wir durch einen Wald in die Nähe des Dorfes Kerns kamen, in Richtung Brünigpass, verliessen wir kurz vor dem Dorfende den Hauptweg und bogen nach links ab, in Richtung der vereisten, schneereichen Alpen. Nachdem wir Berge und Hügel hinaufgestiegen waren, kamen wir nach etwa einer halben Meile in ein enges Tal, in dem ein Bach schnell, mit einem heftigen Gurgeln und Tosen durch hohe Felswände fliesst. Nun gingen wir einen steil abfallenden Abhang hinunter, der bis ganz hinab führte, und zogen hier unten etwa fünfhundert Schritte gegen die Fliessrichtung weiter. Unweit, vielleicht nur einen Steinwurf entfernt, befindet sich auf der rechten Seite des Bergtales die Zelle des Einsiedlers. Getreu dem Wort bei Matthäus im sechsten Kapitel, «Suchet zuerst das Reich Gottes» (Mt 6,33), gingen wir zuerst in die Kapelle. Diese war mit geweihten Gegenständen für die Gottesdienste gefüllt und ausgeschmückt mit Gemälden und gottgefälligen Statuen, derart, als ob Appeles [Apollo] sie selbst gemacht hätte. Wir beauftragten den Priester, den wir mitgenommen hatten, das göttliche Amt zu singen [die Messe zu feiern], das wir, kniend, demütig anhörten, der Bruder hinter uns durch ein Fensterchen, wie er es auch sonst zu tun pflegte. Anschliessend ging der Landammann, der uns freundlicherweise begleitete und ein guter Bekannter von Niklaus war, die Stiege hinauf und bat ihn, uns anzuhören, was er nach einer Weile auch gestattete. Also gingen auch wir zu ihm hinauf. Die Zelle war zweigeschossig, im oberen Teil erwartete uns der Diener Gottes. Als er uns erblickte, sprach er sehr sanft, demütig, mit männlicher Stimme, mit haarloser Stirne und hohem Hals: «Seid gegrüsst, Väter und Brüder in Christus», worauf er uns nach gutem Brauch die Hand reichte. Wir dankten ihm, völlig er schrocken. Wahrlich, mir standen die Haare auf, und meine Stimme blieb im Hals hängen. «Wozu seid Ihr hierhergekommen zu diesem Ende», sagte er, «und in diesen wilden Schlund? Um mich armen Sünder zu sehen? Ich fürchte, Ihr findet bei mir nichts, was so hoher Leute würdig ist.» – «Ja, alles – wie wir hoffen –, was dem allmächtigen Schöpfer gefällt, einen Ritter Jesu Christi und einen Gott ergebenen Diener», sprachen wir alle zusammen wie aus einem Mund. «Wollte Gott, dass dies wahr wäre», entgegnete er, und nach einigen Worten: «Kommt hinab, an die Wärme!» – «Geh voran!», sprachen wir, «Vater, wir wollen dir folgen.»
  
Nachdem wir alles mögliche gefragt hatten, aber nicht prahlerisch, nach Art der Pharisäer, sondern einfach – wie es einem Ungelehrten, aber dennoch ausserordentlich Verständigen gegenüber angemessen war, antwortete er, dass er von niemandem beachtet werden wollte, schon gar nicht von einem Feinde. Unterdessen schaute ich mich genauer um, betrachtete alles, die Person, die Zelle, konnte mir aber nicht alles merken. Er ist grossgewachsen, ganz mager, braun und runzelig, wilde ungekämmte Haare, schwarze mit grauen – aber nicht vielen – gemischt, der Bart etwa einen Daumen lang, klare Augen auf halber Höhe, elfenbeinerne Zähne, alle vollständig, eine zum Gesicht wohlgestaltete Nase. Er war nicht redegewandt, nicht in Gedanken korrigierend. Ich glaube, er war etwa sechzig Jahre alt. Wenn man seine Hand berührte, war sie kalt. Er war barhäuptig und trug eine alte Kutte [Habit, Rock, Eremitenrock – «...grawen rock», nicht «grau» im heutigen Sinne, sondern: alt, abgetragen, zerschlissen – das Verb «grawen» bedeutet «altern»] über dem blossen Leib. Das Stübchen war am Silvestertag lauwarm geheizt, es hatte zwei kleine Fenster und keinen Nebenraum. Ich sah kein Hausgeschirr, keinen Tisch und kein Lager, auf dem der Christusverehrer ausruhen konnte. Wenn er dies tun wollte, musste er stehen oder sitzen oder sich oben auf dem Dachboden hinlegen. Zuletzt befragten wir ihn noch über das Leben seines Miteinsiedlers Ulrich [Bruder Ulrich], den er sehr lobte mit der ernsten Bitte, dass wir ihn doch auch besuchen sollten, bevor wir die Einöde wieder verliessen. Wir sagten ihm dies zu. Doch jetzt kam die Zeit, uns zu verabschieden, damit wir ihm nicht lästig wurden. Wir dankten uns gegenseitig, befahlen uns ins Gebet und gingen weg.
  
Den Fluss hinauf gegen den steilen Felsen kamen wir langsam zur abgelegenen Zelle von Bruder Ulrich, oben auf der Spitze eines hohen Bergs. Niklaus wohnte nördlich davon. Er hatte sein Bethäuschen von dem des erwähnten Niklaus in einer Entfernung von etwa tausend Schritten. Wir klopften an, und als er uns hörte, segnete sich der Vater und erschien mit dem Kreuz bewaffnet. Er streckte uns gütig die Hand entgegen und führte uns hinein vor den Altar neben dem Eingang. Nachdem wir um einen Ablass gebetet hatten, betraten wir das Stübchen, setzten uns. Er setzte sich auf den letzten Platz. Zunächst hielten wir ernste Gespräche, und nachdem wir hierin zu einem Ende gelangten, plauderten wir noch ein wenig über allerlei. Er beherrscht auch etwas Latein, las jedoch vor allem deutsche Bücher, von denen er mir etliche zeigte; dabei waren, so glaube ich, das Evangelium und eine deutsche Fassung über das Leben der alten Väter. Seine Sprache ist schwäbisch, er stammt aus Memmingen, einer Stadt im Schwabenland. Er war ein kleines, etwas dickleibiges Männchen mit Glatze und fleischigem Gesicht mit spärlichem Bart. Er war beredter als Bruder Klaus, und ich glaube nicht, dass er die Kutte auf blossem Leib trug. Er trug auch Schuhe, doch auch er war ohne Kopfbedeckung. Die Zelle war mit mancherlei Heiligenbildern geschmückt. Er ass einmal pro Tag, wie die Nachbarn sagten, etwas Brot mit Honig und Wasser, gelegentlich etwas Baum- oder Haselnüsse. Neben dem Altar war eine Höhle unter einem Felsen, fast wie ausgemeisselt. Hier schlief er meistens. Als wir aber bei ihm waren, sah ich eine Schlafstelle im Stübchen, denn hier war eine Kiste mit ärmlichem Laken. Er lobte seinerseits Bruder Niklaus auf höchste Weise wegen dessen strengen Lebens. Unter anderem sagte er über ihn: «Mein Mitbruder hat den Jordan schon überschritten, aber ich armer Sünder befinde mich noch auf dieser Seite.» Es kam die Zeit, Abschied zu nehmen, wir dankten dem Alten und verliessen die Einöde, jeder reiste wieder in seine Heimat zurück. So habe ich kurz zusammengefasst, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.
  
Was ich zudem von glaubwürdigen Leuten vernommen habe, will ich noch kürzer schildern. Sie sagen, es sei jetzt vierzehn [?, eher: elf] Jahre her, seit Bruder Niklaus nicht mehr gegessen habe. Dann auf einmal hatte er, aus Gehorsam gegenüber dem Befehl des Bischofs von Konstanz, der die Kapelle einweihte, drei Bissen Brot und einen Mund voll gesegneten Wein genommen. Auch, so sagen sie, schliefe er halb stehend, nur mit dem Rücken angelehnt. Zu Anfang seines Eremitenlebens habe ihn der böse Geist mit Schlägen sehr gepeinigt, so dass ihn seine Besucher manchmal halb tot daliegend vorfanden. Täglich und besonders im Sommer verlässt er die Zelle und sucht eine drei Stunden entfernte Höhle auf, um hier seine Gebete zu verrichten. Er lobt den Gehorsam und den Frieden, den zu halten er die Eidgenossen eindringlich ermahnte und auch alle, die zu ihm kommen. Es heisst auch, er habe schon zukünftige Dinge vorausgesagt, doch derlei habe ich selbst von ihm nicht gehört, auch nicht ernsthaft von anderen. Was sein tugendreiches, andächtiges Leben betrifft, bin ich guter Hoffnung. Das Gute von ihm hat mir selbst schon genützt. Darum lasse ich mich von solchen, die anderes behaupten, nicht beirren. Aber was soll's! Da fehlt nur noch das Sprichwort: «So viele Köpfe, so viele Meinungen.»
    
b)
[Begleitschreiben an den Rat von Nördlingen, 26. Mai 1485]
Meine freundlichen, gutwilligen Dienste und, was ich sonst noch vermag, Eurer Liebe und Güte zuvor! Vielwürdiger Ehrsmann [Bürgermeister] und weise liebe Herren und besonders gute Freunde! Nach dem [in der Beilage] sende ich Eurer Weisheit hiermit ein neues Gedicht von Bruder Niklaus und seinem Miteinsiedler [Bruder Ulrich]. Wie Ihr sehen werdet, wollte ich von Herzen gerne, dass Solches Euch angenehm und willkommen sei, weil ich bei Euch in höchster Weise als treu ergeben gelten möchte. Gebt mir wiederum Eure Antwort darauf, und möget Ihr diese dem Boten mit vollem Vertrauen übergeben! Dieser wird von mir für ehrlich befunden [... der Bote hatte zudem den Auftrag auf dem Jahrmarkt einzukaufen]. Und wollet dem Schreiber des Gedichts verzeihen, wenn ich in der Eile nichts besseres leisten konnte. Darum eilends, Einsiedeln, am Donnerstag vor dem Tag der heiligen Dreifaltigkeit, anno domini etc. LXXXV [1485].
    
  
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