Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Ein unbekannter Dominikaner
  
Quelle Nr. 005

  

  
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Zeit: anonym – Quartheft im Staatsarchiv Luzern, Mitte 16. Jahrhundert
  
Herkunft: 8./9. Juni 1469
  
Kommentar: Eine Woche nach dem Fronleichnam (8./9. Juni) im Jahre 1469 weilte ein unbekannter Dominikaner (Prediger) bei Bruder Klaus im Ranft, um ihn auf seine Rechtgläubigkeit und seine moralische Haltung zu prüfen. Wie schon bei der bischöflichen Untersuchung – es war eigentlich eine Inquisition (Quelle 004) – am 27. April gleichen Jahres war die Frage im Raum, ob die Nahrungslosigkeit nicht auf einer Art Überheblichkeit oder sogar Dämonie beruhe. War die Befragung durch den Dominikaner die Fortsetzung der nicht abgeschlossenen amtlichen Inquisition vom 27. April? Aus der erneuten inquisitorischen Befragung wurde jedoch nichts. Bruder Klaus hat nicht gegen die Gesetze der Kirche verstossen, er konnte glaubhaft seinen Werdegang als Einsiedler schildern. Der Bericht des Dominkaners ist dennoch sehr wichtig, beschreibt er doch, wie Niklaus immer mehr von depressiver Angst gequält wurde. Dann betrachtete er täglich und intensiv das Leiden Christi [Leiden Jesu, Passion Jesu, Passion Christi]; auf diese Weise wurde er geheilt und erfuhr eine grosse innere Lebensfreude. – In dieser Quelle wird auch die Ehefrau Dorothea, wenn auch nicht mit Namen, genannt.
  
Wer war nun aber der unbekannte Dominikaner? Man könnte versucht sein, zu meinen, dass der in der Schrift nicht genannte Dominikaner Geiler von Kaisersberg war, der nachweislich zwischen 1468–1470 beim Eremiten im Ranft war und ihn hinsichtlich Demut und Rechtgläubigkeit prüfen und belehren wollte (siehe Quelle 007). Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass Geiler von Kaisersberg Dominikaner war. – Heinrich Stirnimann (Der Gottesgelehrte Niklaus von Flüe, S. 18f., Anm. 28) meint, der Bischof von Konstanz habe womöglich den Dominikaner [aus dem dortigen Kloster?] geschickt, um ihn zu prüfen (amtliche Inquisition). Das könnte stimmen, denn Generalvikar und Weihbischof Thomas Weldner konnte die Inquisition am 27. April 1469 offensichtlich nicht «ungestört» durchführen wegen der Anwesenheit von eidgenössischen Magistraten, unter denen sich auch der Berner Adrian von Bubenberg befand, der extra zum Schutz seines Freundes Klaus von Flüe herbeigeeilt war (siehe Quelle 004). – Oder war der unbekannte, «ungenannte» Dominikaner vielleicht der Bischof von Konstanz selbst, Herman III. von Breitenlandenberg, der im Habit eines Dominikaners den Einsiedler im Ranft inkognito besuchte und prüfte? Das kann nicht ausgeschlossen werden, jedenfalls finden wir in zeitgenössischen Berichten Worte, dass der «Bischof von Konstanz» Niklaus geprüft habe (Johannes Trithemius, Quelle 036 und Hartmann Schedel, Quelle 060). Nur ein Missverständnis?
  
Mit dem vertrauten Priester aus Luzern kann nur Heimo Amgrund (Pfarrer in Kriens) gemeint sein. Höchstwahrscheinlich lehrte dieser den Eremiten die 15 Passionsgebete der Birgitta von Schweden (vgl. auch Quelle 055), die damals bereits zum Allgemeinwissen der Kleriker gehörten.
  
Hatte Niklaus von Flüe vor seinem Eintritt ins Einsiedlerleben Depressionen? Nun, das Wort «Depression» und entsprechende Konstruktionen mit dem Verb «deprimere» kommen in der lateinischen Umgangsprache (Antike und Mittelalter) bezüglich der Seelenlage kaum vor, es handelt sich eher um neuzeitliche Wortschöpfungen, vielmehr wird – allerdings synonym – das Verb «affligere» (=niederschmettern) mit dem Partizip Perfekt «afflictus» verwendet, sowie das Substantiv «afflictio» (=Niedergeschlagenheit). Im Originaltext ist die Rede von «graviter afflictus», er (Bruder Klaus) war schwer niedergedrückt, mutlos, schwer heimgesucht, mitgenommen usw. Der Flüelibauer war frustriert, weil er eine innere Berufung spürte, aber darin nicht vorankam. Zwischen Frustration und Depression besteht jedenfalls in der heutigen Psychologie ein wesentlicher Unterschied. – Der unbekannte Autor hielt in seinem Inquisitionsbericht zudem ausdrücklich fest, dass Niklaus von Flüe vorher, im «bürgerlichen» Leben, Ratsherr und Richter war. Heinrich Gundelfingen (Quelle 052) dürfte diesbezüglich später also überhaupt nicht übertrieben haben.
  
Mit dem vertrauten Priester aus Luzern kann nur Heimo Amgrund (Pfarrer in Kriens) gemeint sein. Höchstwahrscheinlich lehrte dieser den Eremiten die 15 Passionsgebete der Birgitta von Schweden (vgl. auch Quelle 055), die damals bereits zum Allgemeinwissen der Kleriker gehörten.
  
Die reinigende Feile: vermutlich ein Reibeisen, Raiffeisen (im internationalen Signet der entsprechenden Bank dargestellt), eine Raspel mit einer Schneide, Werkzeug für das Veredeln und Aufpropfen bei Obstbäumen und Weinstöcken, aber auch für die Hufschmiede zur Vorbereitung der Hufe vor dem Beschlagen. «lima pugationis» ist nach einfacher Lesart ein Instrument der Verfeinerung. Allerdings wurden im 15. Jahrhundert bereits auch Feilen gehauen, wie wir sie heute kennen.
  
Referenz: Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 38–40

  

   Ein gewisser Bruder aus dem Predigerorden ermahnte am Tage der Fronleichnamsoktav und am darauffolgenden Freitag im Jahre 1469, nach verschiedenen geistlichen Gesprächen, den frommen und andächtigen in Christo, Bruder Niklaus von Flüe von Unterwalden, er möge sich vor dem Geist der Hoffahrt in acht nehmen, und belegte dies mit vielen Gründen aus der Bibel und den Aussprüchen der Heiligen. Dieser erwiderte ihm, er fühle sich in dieser Hinsicht nicht oder nur selten beunruhigt. Darauf fragte der genannte Bruder, durch welche Stufen und Verdienste er zu dem gelangt sei, was man von ihm erzähle, dass er nämlich ohne irdische Speise lebe, und ob das wahr sei.
  
Er antwortete:
  
«Schwierig ist diese Frage, da ich dies niemandem enthüllt habe, als allein einem frommen Priester aus Luzern. Doch wenn Ihr mir versprechen wollt, es vor meinem Tode nicht weiter zu verbreiten, dann will ich es Euch wegen Eurem eindringlichen Nachforschen erzählen.»
  
Bruder Klaus begann darauf zu erzählen und sagte:
  
«Als ich ein junger Mann war, nahm ich eine Frau und war mächtig in Gericht und Rat, ja auch in den Regierungsgeschäften meines Vaterlandes. Dennoch erinnere ich mich nicht, irgend jemanden bevorzugt zu haben, so dass ich vom Pfade der Gerechtigkeit abgewichen wäre. Vor allen Menschen schätzte und ehrte ich das königliche und priesterliche Geschlecht, das heisst die Priester Christi, so dass es mir, sooft ich einen Priester sah, schien, ich sähe einen Boten Gottes. Erst dadurch, glaube ich, kam ich zu der grossen Ehrfurcht und Verehrung für das heiligste Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi. Als es ihm nämlich gefiel, mich zurückzukaufen und seine Barmherzigkeit an mir zu erfüllen, wandte er die reinigende Feile [siehe oben] an und den antreibenden Sporn, d. h. eine schwere Versuchung, so dass er weder tags noch nachts duldete, dass ich ruhig war, sondern ich war so tief niedergedrückt [im lat. Original: graviter afflictus], dass mir selbst die liebe Frau und die Gesellschaft der Kinder lästig waren. Während ich in diesem Zustand verharrte, kam der vorher erwähnte innig Vertraute und Freund zu einem besonderen Gespräch zu mir, ihm hatte ich das Geheimnis offen dargelegt. Als wir über allerlei redeten, enthüllte ich ihm meine Beängstigung und Beschwernis. Er brachte darauf verschiedene heilsame Ratschläge und Mittel vor, durch welche er meine Versuchung zu heben hoffte, aber ich erwiderte ihm: Dies und ähnliches hätte ich versucht und keinen Trost gefunden und es hätte nicht im geringsten genützt. Dann erst fügte er noch jenes beste und heilkräftigste Mittel bei: ‹Es bleibe noch die andächtige Betrachtung des Leidens Jesu Christi.› Ganz erheitert erwiderte ich: Das sei mir unbekannt und ich wisse nicht die Art und Weise, das Leiden Jesu Christi zu betrachten. Da lehrte er mich, die Abschnitte des Leidens nach den sieben kanonischen Stunden zu unterscheiden. Darauf hielt ich Einkehr in mich und begann die Übung täglich zu erfüllen, in welcher ich aus Barmherzigkeit des Erlösers gegenüber meiner Armut Fortschritte machte. Weil ich aber in viele Geschäfte und weltliche Beamtungen verstrickt war, sah ich, dass ich in der Gesellschaft der Menschen dies weniger andächtig vollbringen konnte. Darum zog ich mich häufig an diesen heimlichen und nahen Ort meiner Leidensbetrachtung zurück, so dass niemand es wusste ausser meiner Frau, und dies nur, um ihr bei gelegentlichen Fragen entgegenzukommen. Und so verblieb ich zwei Jahre.»
    
  
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