Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Gott dankt einem Menschen
  
Die Dankesvision von Bruder Klaus
  
Zu den schönsten Überlieferungen über die Spiritualität von Bruder Klaus gehören die Visionsberichte von Caspar am Büel (vor 1500). Es sind in dieser Quelle drei Träume (Visionen, Imaginationen) beschrieben:
1. Der singende Wanderer · Pilgervision)
2. Der überfliessende Brunnen · Brunnenvision
3. Gott dankt einem Menschen · Dankesivision
  
Diese wunderschönen, lebendigen Imaginationen zeigen, wie Gott den Menschen nahe ist, sie widerlegen die sterilen Gott-ist-tot-Vorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
  
Die Texte sind in originalsprachlicher Version nicht gerade leicht verständlich. Nach der Übersetzung in die Sprache unserer Zeit, erscheinen jedoch drei eindrückliche Bilder in unserer imaginativen Innenwelt. Allerdings müssen wir auch mit der nötigen Vorsicht und Umsicht an die Texte herangehen. Dies ist besonders erforderlich bei der dritten Vision. So originell wie sie ist, wir dürfen der Versuchung nicht nachgeben, sie noch sensationeller zu machen, indem wir falsch übersetzen und dadurch Gerüchte in die Welt setzen.
  
Wie eingangs des Berichts erwähnt wird, ereignete sich die Vision während des Meditierens des Leidens Christi (Passionsmystik). Beim Übersetzen des Originaltextes (Rupert Amschwand, Ergänzungsband, Seite 31) müssen wir darauf achten, dass der Text nicht aus dem Zusammenhang herausfällt. – «geburt» (gebürt) ist hier das Partizip Perfekt von «bürden», «burden», übersetzt: «getragen»; «gelüft» kommt vom Verb «lüpfen» (lupfen, auch: lüften = in die Luft heben), heisst also: «aufgehoben». Bruder Klaus hat also Jesu, den Sohn, auf seinem Kreuzweg, als er zusammenbrach und liegen blieb, aufgehoben und getragen. Im Quellentext steht nichts vom «Gebären»
*. Unser heutiges Wort «gebären» hiess damals «gebern» oder «gebaern» und wurde im Partizip Perfekt stark konjugiert zu «geborn». Frühere Bruder-Klaus-Autoren haben die Verbform übrigens richtig übersetzt: Alban Stöckli (1933) und Konstantin Vokinger (1947, 1974 überarbeitet durch Rupert Amschwand). – Eine diesbezüglich noch weit weniger leicht übersetzbare Stelle finden wir auch in den Reimsprüchen: «Er [Gottes Sohn] hat an dem creutz geblüet und geberet, …» – Er hat am Kreuz geblutet und sich entsprechend gebärdet, also: gelitten. Die Grundform ist «baere» = sich gebärden, sich betragen, oder hier eben: ertragen, erleiden, leiden.
  
Caspar am Büel (neusprachlich: Ambühl) war höchstwahrscheinlich ein Enkel von Bruder Klaus, ein Sohn der Tochter Verena von Flüe, die in die Sippe «am Büel», in Altsellen bei Engelberg ansässig, einheiratete. Dass Erzählungen über Träume und Visionen des Niklaus von Flüe innerhalb der Familie mündlich überliefert wurden, ist zweifellos anzunehmen.
     
Caspar Ambühl · Quelle 068 (3. Traum)
  
Originalsprachlicher Text
  
Ein Mensch unterbrach seinen Schlaf, wie es Gottes Wille war, um sein Leiden [Passion Jesu] zu betrachten. Er dankte Gott wegen seines Leidens und seines Martyriums. Und Gott gab ihm die Gnade, dass er darin Kurzweil und Freude fand. Dann legte er sich wieder zur Ruhe. Als sein Bewusstsein bereits etwas weg war, er aber glaubte, er schlafe noch nicht, da dünkte es ihn, als ob einer zur Türe eintrete, bald mitten im Haus stehe und ihn mit starker, aber heiterer Stimme anspreche, wie er denn heisse. Er sagte: «Komm und schau deinen Vater, was er tut!» Und es schien ihm, als ob er schnell, wie mit dem Bogen geschossen, in einen schönen Tabernakel, in einen weiten Saal gelangte. Er sah darin einige Leute wohnen, in weissen Kleidern. Und derjenige, der ihn gerufen hatte, stand neben ihm und redete so, wie es normalerweise ein Anwalt tut.
  
Ein mensch brach den schlaf durch gocz willen und durch sine lides willen und er danckt got sines lides und siner marter. Und im gab got gnad, das er kurczwil und wollust darin het. Darnach leit er sich an sin růw. Und do im sine vernuft bond undergeschlagen sin und er meint, das er noch nit in sinem schlaf were, do gedunckt in, das einer zů der tür ingegangen keme und stůnd in mite des huß und růft im mit einer herten heiteren stim, wie er dan hies und sprach: Kum und sich din vatter und lůg, was er tüege. Und bedunckt in, wie das er schnelleklichen keme an ein senes end, in ein schönen tabernackel in einem witten sal. Do gesach er etwas lütten inwonen, in wissen kleider, und der was bi im, der im gerüeft het und stůnd im an siner sitten und tet im sin red als ein fürsprech tůt.
  
Obwohl er sprach, konnte er seine Gestalt nicht sehen. Aber dies wunderte ihn nicht. Er eröffnete jetzt seine Rede: «Dieser ist es, der deinen Sohn aufgehoben und getragen hat und ihm zu Hilfe gekommen ist in seiner Angst und seiner Not, gedenke seiner, danke ihm dafür, sei ihm dankbar!» Da schritt ein schöner, stattlicher Mann durch den Palast mit einer gleissenden Farbe in seinem Antlitz, gekleidet wie ein Priester in einer Albe. Er legte beide Hände auf seine Schultern und drückte ihn an sich, er dankte ihm mit ganz brennender Liebe seines Herzens, dass er seinen Sohn so wohl aufgenommen hatte und ihm zu Hilfe kam in seiner Not. Der Mensch war in sich völlig geschlagen, so sehr erschrak er deswegen, denn er erkannte, dass er unwürdig sei und sagte: «Ich weiss nicht, dass ich deinem Sohn je einen Dienst getan hätte.» Darauf verliess er ihn und er sah ihn nicht mehr.
  
Und wie wol er redt, so gesach er doch sin gestalt nit und wundret in nit darnach und det im sin red und sprach: Diß ist der, der dier din sun gelüft und geburt [gebürt, gebürdet] hat und im ze hilf ist kon in siner angst und in siner not, dank im sin und bis im sin danck und bis im sin dankbar. Do kam ein schoener, weidlicher man durch den balast hargetreten mit einer glissender farw in sinem antlit und in einem wissen kleid, als ein priester in einer alben. Und er leit im sin beid [arm] uff sine achslen und truckt in zů im und danckt im mit einer ganczen inbrüstiger liebi sines herczens, das er im sinem sun also wol was zů statten kon und zů hilf in siner nott. Und derselb mensch ward in sich selber geschlagen und erschrack übel darab und bekant sich selb unwürdig und sprach: Ich weiß nit, das ich dim sun nie dienst hab tan. Do verlies er in und gesach in fürbas nit me.
  
Nun ging eine schöne, stattliche Frau durch den Palast, ebenso weiss gekleidet. Und er bemerkte wohl, dass ihr das weisse Kleid wie ganz neu gewaschen anstund. Sie legte beide Arme auf seine Schultern und drückte ihn fest an ihr Herz, mit überfliessender Liebe, weil er ihrem Sohn so treu zu Hilfe kam in seiner Not. Der Mensch erschrak sehr und entgegnete: «Ich weiss nicht, dass ich Eurem Sohn je einen Dienst erwiesen hätte. Ich bin nur gekommen, um zu schauen, was Ihr tut.» Da verabschiedete sie sich und er sah sie nicht mehr.
  
Und do kam ein schöne weideliche fröw durch den balast har getretten, ouch in ein sölichen wissen kleid. Und er sach wol, das inen das wiß kleid gar nüw geweschen anstůnd. Und si leit im sin beid arm uff sin beid achslen und druckt in grüntlich an ir hercz mit einer uberflüssigen liebi, das er ir sun so trülich was ze statten kon in siner not. Und der mensch erschrack übel darab und sprach: Ich weiß nit, das ich üwerem sun je dienst hab getan. Dan allein har cun lůgen, was ir täten. Do schied si sich ab von im und sach si fürbas nit me.
  
Er blickte neben sich und sah den Sohn neben sich auf einem Sessel sitzen. An ihm bemerkte er das gleiche Kleid, aber es war besprengt mit Rotem, wie wenn es jemand mit einem Wedel verspritzt hätte. Der Sohn neigte sich ihm zu und dankte ihm innig, das er ihn so gut aufgenommen hatte in seiner Not. Dabei schaute er neben sich nieder und sah, dass auch er ein weisses Kleid anhatte, besprengt mit Rotem, genauso wie der Sohn. Das verwunderte ihn doch sehr, denn er wusste vorher nicht, dass er es anhatte. Sogleich, im gleichen Augenblick, sah er sich selbst im Bett, wo er gelegen hatte und meinte dabei, er habe gar nicht geschlafen. Amen. Do blickt er neben sich, do sach er den sun nebend im siczen in einem sessel und sach, das er ouch ein sömlich kleid an im hat, es war besprengt mit rottem, als der mit einem wadel dar het gesprengt, und neigt sich der sun gegen im und danckt im iniklichen, das er im ouch also wol was ze statten kon in sinen nöten. Da blickt er neben sich selb nider. Do sach er, das er ouch ein wiß kleid an im hat und besprengt mit rottem wie der sun. Das verwundret in ser und wüst nit, das er es angehept hat. Und schnelliklichen uff der stund fand er sich selb an der stat, do er sich gelegt hat, das er nit meint, das er geschlafen het. Amen.

Bruder Klaus ein Gottesgebärer? – Gerüchte sind meistens prickelnder als die Tatsachen, so verhält es sich wohl auch hier. Waren nicht gerade auch histerische Gerüchte daran schuld, dass die Heiligsprechung des Eremiten Niklaus von Flüe so lange hinausgezögert wurde? Aussagen von und über Bruder Klaus irgendwelchen Ideologie passend zu machen und den Einsiedler derart zu missbrauchen, schadet dem Image von Bruder Klaus ganz entschieden.
  
Zu Lebzeiten des Einsiedlers im Ranft gab es auch manche Inquisitoren, die Bruder Klaus «heimsuchten», um ihn auf seine Rechtgläubigkeit zu prüfen. Bei den Christen ist es so, wie wenn ein Geldstück bei einem Automaten herunterfällt: Wenn sie Gott und die Zahl drei hören, dann ist es halt gleich immer die «Dreifaltigkeit». Und dann die Mutter Jesu, die Mutter Gottes, derart auf die gleiche Ebene zu stellen, müsste demzurfolge «häretisch» (ketzerisch) sein. Aber auch hier gilt: Wir müssen nicht immer gleich übertreiben und dürfen ruhig auch mal die «Kirche im Dorf lassen». Es gibt hier nicht ein erweitertes Schema einer «Vierfaltigkeit», die Manche im inquisitorischen Wahn hineininterpretieren wollen.
  
Gemälde Schiblochmatte
Trotzdem, es erscheinen wirklich alle drei göttlichen Manifestationen in dieser Vision. Eine unsichtbare Gestalt, die wie ein Anwalt (Paraklet, der Heilige Geist) redet, begrüsst den «Menschen» und führt ihn in einen feudalen Saal. Dieser Fürsprecher stellt den Meditierenden einem stattlichen Herrn (Gottvater) vor und fordert diesen auf dem «Menschen» zu danken. Für was? Bruder Klaus habe Jesus, den Sohn, auf seinem Kreuzweg, als er zusammenbrach und liegen blieb, aufgehoben und getragen. Mehr ist es nicht. Aber das ist eine Tat, die Gott hoch anrechnet. – In gleicher Weise schreitet nun eine schöne Frau durch den Saal und dankt dem Visionär ebenfalls für den Dienst an ihrem Sohn. Gleichsam auf einem Thron sitzend, erkennt nun Bruder Klaus auch Jesus, den Sohn Gottes. Auch er trägt ein weisses Kleid wie die anderen Bewohner des Palastes. Das Kleid des Sohnes ist aber mit Blut besprengt. Er ist das Lamm, das auf seinem Kreuzweg zur Schlachtbank geführt wurde. Bruder Klaus, der die Passion Jesu oft innig, mit grösster Anteilnahme betrachtete (vgl. auch die 15 Passionsbetrachtungen,
Quelle 055), bekam auch Anteil an Verdienst und Wirkung dieser Passion. Auch sein weisses Kleid wird mit dem Blut besprengt, den er hat den blutenden Jesus aufgehoben und getragen. Sein grosses Mitleiden mit der geschundenen Kreatur, die hier der fleischgewordene Gott selbst ist, erfüllte das ganze Einsiedlerleben derart, dass Bruder Klaus als Frucht davon zum Freund und Helfer dessen wurde, der Frieden gestiftet hat durch sein Blut (Kolosser 1,20). Bruder Klaus, der Friedenstifter, ein erfolgreicher Mitstreiter des grossen Friedenstifters.
  
Abbildung: Niklaus von Flüe in seiner Passionsbetrachtung – Ausschnitt aus dem Ölbild eines unbekannten Malers im Wohnhaus auf der Schiblochmatte, Flüeli – im Hintergrund das Kirchlein St. Niklaus zu den Bänken mit dem markanten Turm.
  
* Diese falsche und im Kontext absolut sinnlose Übersetzung lieferte Roland Gröbli in seiner Doktorarbeit (Die Sehnsucht nach dem «Einig Wesen», Zürich 2. Aufl. 1991, 220 u. 239) ab. Wie bei manchen geisteswissenschaftlichen Arbeiten gängig stellt er zuerst eine Wunschhypothese auf und will dann auf Biegen und Brechen zurück auf die angebliche Ursache schliessen. Mit diesem stupiden Gerücht stellt er nicht nur die Spiritualität von Bruder Klaus in schädigender Weise in ein falsches Licht, er reiht sich auch noch ein unter diejenigen, welche Meister Eckhart seinerzeit verleumdet hatten, indem sie seine Aussagen verdrehten und falsch einordneten. Der dominikanische Mystiker spricht zwar von der Gottesgeburt im Menschen, wobei jedoch nicht der Mensch der Gebärende ist, sondern Gott ist das grammatikalische Subjekt, er gebiert den Sohn im Menschen, wenn sich dieser aller irdischer Bindung (bebeka = Akzidenzien) entledigt, was erst im irdischen Tod vollzogen werden kann. Das «Ledig-Werden» ist das Kernthema Meister Eckharts. Er wollte nicht, wie ihm böswillig unterstellt wurde, neuplatonische, sektiererische Gedanken in die Welt setzen, sondern die Philosophie des Aristoteles (Kategorienlehre und Hylemorphismus) auf die Spiritualität applizieren. Der Doktorand in Germanistik hätte sich besser etwas zurückgehalten, als sich mit seiner dilettantischen Eskapade wichtig machen zu wollen. – «Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele». (Udo Kern, «Gottes Sein ist mein Leben» - Philosophische Brocken bei Meister Eckhart, Berlin 2003, 248).
  

Originaltext der Ambühl-Version mit einleitendem Kommentar (PDF)
  
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