Holzschnitt 1510
    
Nikolaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Der geizige Abt aus Würzburg
  
Quelle Nr. 037

  

  
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Zeit: Oktober 1485
  
Herkunft: Johannis Trithemii Annales Hirsaugienses, geschrieben von 1509-1514 (siehe folgende Quelle 038 und Quelle 204)
  
Kommentar: Dies ist eine der eindrücklichsten Erzählungen über den lebenden Heiligen im Ranft. Ein fremder Theologe kommt voller Bosheit und Überheblichkeit und will den Einsiedler überprüfen. Dabei geht er sogar aufs Äusserste, er treibt Bruder Klaus in die Enge und reizt ihn absichtlich, um ihn zu einem Zornausbruch zu bewegen. Aber der Waldbruder lässt sich vom hochmütigen Abt aus Franken nicht zum Zorn verleiten, er bleibt völlig sanftmütig. Die Situation nämlich hat er längst durchschaut. Schliesslich wird die Bosheit und der Geiz des Besuchers völlig offengelegt. Die Prüfung verläuft am Ende anders, als geplant: Der Abt ist nun der Geprüfte und derjenige, der nicht bestehen kann. – Jedenfalls gibt diese Quelle einen wichtigen Hinweis auf die Nahrungslosigkeit des Eremiten, der dies in seiner vorbildlichen Bescheidenheit und Zurüchhaltung selbst jedoch mit keinem Wort als solche bestätigen will. Aufgezeichnet wurde diese Episode von Johannes Trithemius in den Hirsauer Annalen (1509–1514). Zwei Äbte, Georg von St. Stephan in Würzburg und Konrad von Wiblingen, wurden zu einer Visitationsreise zu den Benediktinerklöstern im Bistum Konstanz berufen. Auf dem Weg nach oder von Engelberg fand ihr Besuch bei Bruder Klaus im Ranft statt.
  
Referenz: Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 346–348

  

   Wir kennen einen Abt unseres Ordens, einen durchaus gelehrten und frommen Mann, der sich aber ein bisschen zu sehr für irdische Dinge und Reichtümer dieser Welt interessierte; er war habsüchtig und geizig. Als dieser einst im Auftrag des Provinzialkapitels die Klöster unseres Ordens in der Diözese Konstanz besuchte, wollte er, mehr aus Neugier als aus Frömmigkeit, auch diesen Einsiedler sehen. Als Begleiter und Mitvisitator hatte er den Abt Konrad von Wiblingen aus der gleichen Konstanzer Diözese bei sich, einen durch Sitten und Ruf sehr angesehenen und völlig glaubwürdigen Mann, von dem wir diese Tatsache vernommen haben.
  
Als sie zu Bruder Klaus kamen, begann jener Abt ihn mit vielen Reden zu prüfen und über verschiedene Streitpunkte der heiligen Schrift auszufragen, obwohl er wusste, dass jener nicht lesen konnte. Auf alles antwortete der Einsiedler trefflich, gab sich in allem sehr bescheiden und äusserte kein Zeichen der Ungeduld, obwohl er durch den Abt sehr in die Enge getrieben wurde. Dieser wollte genauestens herausfinden, was dahinter stecke. Unter vielem andern fragte der abtliche Prüfer: «Du bist also derjenige, der sich rühmt, in so vielen Jahren nichts gegessen zu haben?» Der Einsiedler antwortete: «Guter Vater, ich habe nie gesagt und sage nicht, dass ich nichts esse.» Jener setzte weiter an. In der Absicht, den Sanftmütigen zu reizen, brachte er die Rede auf die Habsucht und fragte den Eremiten: «Was ist Geiz?» Jener erwiderte: «Was fragst du mich ungebildeten Habenichts über den Geiz, da du doch als gelehrter und reicher Herr nicht nur besser als ich weisst, was das ist, sondern auch schon selber erfahren hast, was im Herzen des habsüchtigen Menschen vorgeht, als du im Vorjahr aus Spekulationswut siebenundzwanzig Fuder des besten Weins für ein Spottgeld kauftest und letztes Jahr mit grossem Profit wieder losgeschlagen hast. Aber dein Bischof hat deine Habsucht gestört und durch seine eigene Begehrlichkeit gestraft; er hat wider deinen Willen und trotz deiner Reklamation die ganzen siebenundzwanzig Fuder dir und dem Käufer weggenommen und mit Gewalt in seinen Keller geführt, und er hat dir dafür keinen Heller bezahlt und wird dir auch keinen bezahlen. Diese Zeichen des Geizes stehen dir auf der Stirne geschrieben, sie wurzeln in deinem Herzen und sind zu deinem Leidwesen offenbar geworden.»
  
Über diese Worte erschrak der Abt, er wurde ganz verwirrt und konnte nichts erwidern. Und wer sollte nun nicht darüber staunen, von einem unwissenden Mann, mehr als sechzig Meilen vom Tatort entfernt, etwas zu hören, was er in seiner wüsten Einöde durch keinen menschlichen Bericht vernommen haben kann. Es steht ausser Zweifel, dass er das nicht aus Menschenmund vernommen hat, sondern durch Offenbarung des heiligen Geistes, dem er aus ganzem Herzen völlig diente.
  
Diese Sache selbst verhielt sich aber so. Der erwähnte Abt hatte in der Weinlese siebenundzwanzig Fuder Wein von den Winzern, das Fuder zu sechs rheinischen Gulden, zusammengekauft. Im nächsten Jahr stieg der Weinpreis und er wollte diesen Vorrat einem Bürger von Nürnberg verkaufen, das Fuder für vierundzwanzig Gulden. Dies hörte der Bischof, und, erregt durch die Kunde von den üblen Machenschaften, beschlagnahmte er den Wein. Noch bevor der Käufer seine Wagen bereit hatte, wurde der Wein auf ein Schiff verladen und in seinen Keller transportiert. Denn der Wein lag noch nicht im Kloster, sondern im Dorf, wo ihn der Abt gekauft hatte. So strafte Geiz den Geizigen. Dies konnte der heilige, gottbegnadete Eremit unmöglich aus allgemeinem Gerücht wissen.
    
  
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