Holzschnitt 1510
    
Nikolaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Hans von Waldheim aus Halle
  
Quelle Nr. 009

  

  
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Zeit: 26. Mai 1474
  
Herkunft: Reisetagebuch (Handschrift) des Junkers Hans von Waltheym aus Halle, Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, Cod. 17.2. Aug 40 (255 Blätter, 21:15 cm) – • Link
  
Kommentar: Der sächsische Junker befand sich auf einer ausgedehnten Europareise, bzw. Wallfahrt, die ihn bis nach Marseille führte, wo der Legende nach einst Maria Magdalena und Lazarus gelebt haben sollen, in Tarascon waren angeblich auch die Reliquien von Martha und von Anna. Auf der Heimkehr suchte er verschiedene Orte in der Schweiz auf. Von Luzern aus machte er via Kerns eine Exkursion zu Bruder Klaus in den Ranft, von dem er auf dem Markt in Halle Wundersames gehört hatte. Die Schrift Waldheims – lediglich ein Reisetagebuch – war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, deshalb darf man ihr bezüglich der Schilderung des Einsiedlers im Ranft eine sehr hohe Glaubwürdigkeit zuschreiben. – Drei wichtige Personen im Umfeld des Eremiten werden miterwähnt: die Ehefrau [Dorothea] von Bruder Klaus und Sohn Niklaus, ferner Bruder Ulrich im Mösli. – Waldheims Ehefrau hiess übrigens ebenfalls Dorothea.
  
Hans von Waldheim spricht mit Bruder Klaus auch über seine Pilgerreise, er erzählt von Wallfahrtsorten in Südfrankreich, vor allem auch im Zusammenhang mit einer Lieblingsheiligen des Eremiten: Maria Magdalena. Da Einträge in Tagebüchern normalerweise nicht allzu lang sind, der Pilger aus Sachsen und der Waldbruder jedoch so viel miteinander zu besprechen haben, geht die Nennung des Zieles der Reise des Mannes aus Sachsen völlig vergessen. Es ist anzunehmen, dass er nicht bloss in Südfrankreich war, sondern vor allem im damals wichtigsten Wallfahrtsort in Europa: Santiago de Compostela, wo sich die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren befinden sollen – oder dass er zumindest einmal daran dachte, dorthin zu gehen.
  
Eine äusserst wichtige Einzelheit in Waldheims Reisetagebuch ist schliesslich die Aussage, wonach Bruder Klaus ursprünglich selber die Absicht hatte, ins Ausland zu gehen und als Pilger von einem Wallfahrtsort zum anderen zu reisen, oder anders übersetzt: «Bruder Klaus schied von seiner Frau in der Meinung, sich zu verelenden und als Wallbruder von einer heiligen Stätte zu der anderen zu wandern». Welches wäre dann das Ziel der Pilgerreise gewesen? Diese Frage bleibt offen, sie liesse sich nur beantworten im Kontext des Pilgerwesens der damaligen Zeit und das bedeutet: Das Endziel hätte nur Santiago de Compostela in Galicien (Spanien) sein können. Das Primärziel war also nicht das Dasein als Einsiedler sondern als Pilger. Für die damalige Zeit war eine solche Art «Urlaub» (= Erlaubnis) nicht ungewöhnlich, kaum eine Ehefrau konnte ein solches Vorhaben ablehnen.
  
Das Berner Münster galt damals als Wallfahrtsort in Bezug auf den Diakon Vinzenz von Saragossa (†304). Angeblich wurde hier dessen Haupt verehrt. Bern war denn auch eine Station der Pilgerreise des Junkers Hans von Waldheim aus Halle an der Saale. In seinem Reisetagebuch wird zudem Adrian von Bubenberg erwähnt: «In Bern ist das Haupt von Sankt Vinzenz, und in der Stadt wohnen viele Ritter und Knechte, nämlich … Ritter Adrian von Bubenberg …» (Edition von F. E. Welti, 13,14–17). – Als Klaus von Flüe am Freitag, 16. Oktober 1467, zu seiner Pilgerreise aufbrach, zog er vermutlich über den Brünigpass und besuchte zunächst die Beatushöhlen über dem Thunersee. Die nächste Station dürfte der Wallfahrtsort St. Vinzenz in Bern gewesen sein. Nicht auszuschliessen ist, dass er bei dieser Gelegenheit zugleich auch Adrian von Bubenberg in dessen Palais getroffen hatte.
  
Die Schrift Waldheims blieb für Jahrhunderte der Öffentlichkeit verborgen. Der Gedanke vom Wallfahren in fremden Länder – er wollte ins «elend gan» (elend = Ausland, dreimal im Sachsler Kirchenbuch, Quelle Quelle 053) –, kommt in keinem zeitnahen anderen Quelltext zur Sprache, muss aber wohl mündlich dennoch in dieser Art überliefert worden sein, denn 1586 bindet ihn Jakob Gretser in seinem Festspiel für das Jesuitenkolleg in Luzern ein (Quelle 281)
  
Referenz: Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 58–66; – Das vollständige Reisetagebuch Waldheims wurde 1925 textkritisch neu editiert (mit Zeilennummern): Friedrich Emil Welti (Hrsg., Sohn von Bundesrat Emil Welti), «Die Pilgerfahrt des Hans von Waltheym im Jahre 1474», Bern 1925 (über Bruder Klaus: Seite 70, Zeile 5 bis Seite 78, Zl. 25) – Diese Edition enthält auch eine Einleitung und ein Wörterverzeichnis (Glossar). Gemäss Welti wurde die Handschrift in Wolfenbüttel nicht von Waldheim selbst angefertigt sondern ist eine «gleichzeitige Abschrift des Originals» (Einleitung, XI).
  
Edition Welti, originalsprachlicher Text und Einleitung (PDF mit OCR, 13,2 MB)

  

   [Neusprachliche Übersetzung von Werner T. Huber]
In Luzern liess ich meine Pferde stehen, mietete ein Schiff und fuhr am Mittwoch, am Tag des hl. Papstes Urban [25. Mai 1474], über den Luzernersee, hinauf zu Bruder Klaus, dem lebendigen Heiligen. Als wir über den See gefahren waren, bewegten wir uns nahe – mit etwa drei Klafter Abstand – am Pilatus [Lopper] vorbei. Oben liegt Pilatus in einem tiefen See, der keinen Ausfluss hat. Darin taucht Pilatus jedes Jahr während der Karfreitagsliturgie auf, so dass man ihn offenbar sieht; nach der Liturgie sinkt er dann wieder hinab auf den Grund. Einerseits reizte es mich schon, zu diesem See hinaufzugehen, andererseits grauste es mich so sehr, dass ich es doch nicht wagte. Nachdem wir den Luzernersee nach etwa zwei weiteren Meilen überquert hatten, landeten wir bei einem grässlichen hohen Abhang [Rotzloch], es dünkte uns, es gäbe da weder Land noch Leute. Wir mussten den Abhang hinaufsteigen, zuerst steil und dann gleichmässig. Es gab da keine Treppe und keinen Weg, die Waldbäche flössten uns Schrecken ein. Als wir oben ankamen, fanden wir ein recht lustiges Land mit Dörfern, guten Äckern und Wiesen, viel Wald und auch fette Weiden, eine beachtliche Viehzucht mit Kühen, Ochsen und Pferden, es gab ein paar stattliche Hengste. Das Bergland ist auch für die Falken das beste der ganzen Welt. Sogar der Herzog von Mailand lässt alle Jahre Falken dort holen und [für die Jagd] zu ihm bringen. Das Land auf dem Berge heisst Unterwalden, und hier wohnen auch gute deutsche Leute.
  
Danach gelangten wir in ein Dorf mit Namen Kerns. Herberge erhielten wir vom dortigen Ammann unter der Flüe. Als wir in der Wirtsstube sassen, kam der Wirt zu uns und sprach: «Guter Junker, wozu seid Ihr hierhergekommen in dieses Land? Seid Ihr wegen Bruder Klaus gekommen, um ihn zu sehen?» Da antwortete ich: «Ja.» Der Wirt sprach weiter: «Es ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen, denn es wird nicht einfach jeder zu ihm gelassen. Wenn Ihr Bruder Klaus sehen und ihn gerne besuchen wollt, so gebe ich Euch den Rat und sage Euch alles, denn anders könnt Ihr nicht zu ihm gelangen. Wir haben in diesem Dorf einen Leutpriester, er ist unser Pfarrer [Oswald Issner, bzw. Yssner] und auch der Beichtvater von Bruder Klaus. Wenn Ihr ihn dazu veranlassen könntet, dass er Euch begleitet, dann könnte er es erreichen, dass Ihr ihn sehen und sprechen könntet.» Sofort bat ich den Wirt, er solle doch dem Leutpriester ausrichten lassen, dass ich ihn gerne zum Abendessen einladen möchte. Er kam. Als wir nun bei der Mahlzeit sassen, eröffnete ich dem Leutpriester: «Ich bin von weit her hierhergeritten. Bei uns zu Hause hörte ich etwas von einem lebendigen Heiligen, der Bruder Klaus heisst. Dieser habe während sechs Jahren weder gegessen noch getrunken. Wegen ihm bin ich hierhergekommen, ich möchte ihn gerne sehen. Wie ich verstanden habe, seid Ihr sein Beichtvater und es werde keiner ohne Euch, ohne Eure Hilfe zu ihm gelassen. Wenn es Euch um Gottes Willen nicht verärgert und es Euch nicht zu viel Mühe macht, so könnten wir am Donnerstagmorgen zusammen zu Bruder Klaus reisen.» Er antwortete mir: «Ich will dies gerne tun.» Dann sagte der Wirt noch: «Guter Junker, Ihr sollt nicht zu Fuss gehen, ich leihe Euch einen grauen Hengst, denn ich habe in meinem Stall drei ganz ordentliche Hengste, von ihnen könnt Ihr aus wählen, welchen Ihr wollt.»
  
Am Donnerstag nach Exaudi [Sonntag nach Christi Himmelfahrt], also am Donnerstag nach St. Urban [Donnerstag vor Pfingsten, 26. Mai 1474], war ich zusammen mit meinem Knecht und den Schiffsleuten früh bereit, der Leutpriester beziehungsweise Pfarrer kam auch mit. Wir reisten eine halbe Meile, in unserm Lande wäre es eine gute Meile. Als wir die Hälfte des Weges zu Bruder Klaus zurück gelegt hatten, fragte mich der Leutpriester, ob ich nicht auch die Frau [Ehefrau Dorothea] von Bruder Klaus und seinen jüngsten Sohn sehen möchte. Ich sprach: «Ja.» Er zeigte mir gegenüber einem tiefen Tal, an einem luftigen Berg eine Behausung und sprach, dort habe Bruder Klaus gelebt, und da wohnten noch seine Frau und sein jüngster Sohn; auch die grösseren Söhne, die bereits verehelicht waren, wohnten nicht weit von dort. Zum Schiffsjungen sagte er: «Lauf hinüber zu Bruder Klausens Frau und sage Ihr, ich werde Messe halten, wenn sie dieselbe hören wolle, so möge sie kommen und auch den jüngsten Sohn mitbringen.» Wir gingen weiter und gelangten zur Zelle von Bruder Klaus. Die Schweizer haben eine Kapelle mit drei Altären an sie angebaut. Als wir in der Kapelle standen, fragte mich der Leutpriester, welche Messe ich gerne gelesen haben wollte. Ich antwortete: «Die von St. Maria Magdalena.» Der Leutpriester trat an den Altar und suchte das Offizium der heiligen Maria Magdalena, und als er es im Messbuch gefunden hatte, wandte er sich um und bemerkte Bruder Klausens Frau mit ihrem Sohne. Er kam zu mir und führte mich zu Bruder Klausens Frau und ihrem Sohn. Ich gab ihr und dem Sohn die Hand und bot einen guten Morgen. Seine Frau ist noch eine hübsche junge Frau unter vierzig Jahren mit einem frischen Gesicht und glatter Haut. Ich fragte sie: «Liebe Frau, wie lange ist Bruder Klaus fort von Euch?» Sie antwortete: «Dieser Knabe da, mein Sohn, wird am Tag Sankt Johann des Täufers sieben Jahre alt, und als der Knabe dreizehn [beziehungsweise sechzehn] Wochen alt war, es war am Sankt-Gallus-Tage [Freitag, 16. Oktober 1467], da nahm Bruder Klaus Abschied von mir und ist seit der Zeit nie mehr bei mir gewesen.» Ich redete noch viel mit der Frau und dem Sohne. Der Junge ist von aufrechter Haltung wie Bruder Klaus, er gleicht ihm, als wäre er ihm aus dem Gesicht geschnitten. Ich gab ihm ein Trinkgeld.
  
Man muss sich merken, dass Bruder Klaus von seiner Frau im Jahre 1467 nach Christi unseres Herrn Geburt, am Sankt-Gallus Tage, wegging. Bruder Klaus nahm Abschied von seiner Frau in der festen Meinung, sich ins Ausland zu begeben und als Pilger von einer heiligen Stätte zur anderen zu wandern. Nun geschah es, als er mit diesem Vorsatz von seiner Frau wegging und in Richtung Basel wanderte, da hatte Bruder Klaus von Gott ein Gesicht, eine Offenbarung und Mahnung, so dass er vor Basel wieder umkehrte und nach Unterwalden zurückging, zu seinem Anwesen. Hier sprach er aber weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern, noch mit jemand anderem, sondern blieb während der Nacht in einem Kuhstall neben seinem Wohnhaus. Am Morgen stand er früh auf und ging ein Stück weit in den nahen Wald. Er trug Holz zusammen und deckte Holz und Laub darüber und machte sich so eine kleine Klause. Als die Schweizer vernahmen, dass Bruder Klaus gewillt war, da sein Leben zu führen, fällten sie im Wald grosse Bäume und bauten dort eine Kapelle mit drei Altären und daran eine Klause, wo er jetzt wohnt und ein heilig Leben führt.
  
Bruder Klaus hat seit dem Tag, als er von seiner Frau Abschied nahm, weder gegessen noch getrunken.
  
Bruder Klaus ist ein feiner Mann, etwa in meinem Alter, in den besten Jahren bei Fünfzig. Er hat braunes Haar, noch kein graues. Er hat auch ein wohlgestaltetes, gut gefärbtes, schmales Gesicht, und er ist überhaupt ein schlanker Mann mit einer angenehmen, guten deutschen Sprache.
  
Er war in seiner Heimat einst eine mächtige Amtsperson. Auch in vielen Gerichtsverhandlungen war er dabei.
  
Als die Schweizer sich darüber wunderten, dass er nicht mehr ass und nicht mehr trank, liessen sie ihn sogleich Tag und Nacht bewachen, um sicherzugehen, dass ihm nicht jemand tagsüber oder nachts heimlich etwas zu essen oder zu trinken brachte. Doch es war nichts zu sehen, und es war nicht zu beweisen, dass er isst oder trinkt, sondern dass er von der Gnade des allmächtigen Gottes lebt.
  
Bruder Klaus hat seine Zelle hier in Unterwalden in einer einsamen Gegend unterhalb der Alpen, wo Gemsen und Steinböcke wohnen und laufen, woraus sich ein köstliches und edles Wildbret zubereiten lässt. Bruder Klaus hat auch die Gewohnheit, dass er sich oft ein oder zwei Tage, wenn er seine Ruhe für die Betrachtung haben will, in die Abgeschiedenheit des Waldes zurückzieht, um dort allein zu sein. Man sagt auch im Lande, er werde recht häufig bei Unserer Lieben Frau in Einsiedeln gesehen, obwohl kein Mensch ihn unterwegs bemerkt, weder beim Hingehen noch bei der Heimkehr begegnet ihm jemand. Wie er allerdings dorthin gelangt, dieser Weg ist allein Gott, dem Allmächtigen bekannt.
  
Bevor ich zu Bruder Klaus ging, wurde mir gesagt, er hätte in sich keine natürliche Wärme mehr, sondern er hätte Hände so kalt wie Eis. Auch sein Gesicht sei blutleer und bleich, wie bei einem Toten, den man ins Grab legt. Er wäre auch immer traurigen Mutes und niemals fröhlich. Ich sage jedoch, dass ich all dies nicht bei ihm finden konnte. Er war erstens völlig natürlich warm, auch die Hände waren voller natürlicher Wärme, genauso wie bei anderen Menschen. Denn Conze [von Bingenheim], mein Knecht, und ich haben die vier Adern je fünfmal betastet, so wie es hier aufgeschrieben ist. Sein Gesicht war weder gelb noch bleich, sondern es hatte eine echte Fleischfarbe, so wie bei einem anderen lebenden, normalen, gesunden Menschen. Er ist auch nicht traurigen Mutes, sondern in all seinem Reden, in seinem Gang und in seinen Gebärden erlebten wir ihn als leutselig, mitteilsam, behaglich, fröhlich und vor allem freundlich. Ich wusste früher nichts über Bruder Klaus. Bei uns zu Hause hörte ich auch nie etwas von ihm. Die erste Kunde von ihm vernahm ich folgendermassen: Heinrich von Waldheim, mein Sohn, bat mich am Festtag Mariä Geburt im Jahre nach Christi Geburt 1473, ich solle ihm auf dem Marktplatz von Halle in Sachsen gute Saiten für seine Laute kaufen. Also ging ich mit ihm zum Jahrmarkt und gelangte zu einem Kaufmann, der hielt gar mancherlei feil, auch Edelsteine. Von ihm kaufte ich die Saiten. Als wir lange über Edelsteine sprachen, erzählte er etwas vom grössten Smaragd, den es auf der Erde gebe. Dieser befände sich im Kloster Reichenau bei Konstanz, wie ich früher schon berichtet habe. Er fragte mich dann, ob ich auch schon etwas gehört hätte von einem lebendigen Heiligen, der Bruder Klaus genannt werde. Dieser hätte eine Zelle in Unterwalden in der Schweiz. Er habe während vieler Jahre nichts gegessen und getrunken. Darauf ging ich nach Hause und schrieb dies alles in mein Tagebuch, in der Meinung und der Hoffnung, dass ich einmal in jenes Land reisen und mehr darüber erfahren könnte.
  
Eine andere Kunde über Bruder Klaus gelangte auf folgende Weise zu mir. Es war am Donnerstag der Auffahrt des Herrn – das ist die Himmelfahrt Gottes – im Jahre nach Christi Geburt I474, in Bern, in der Herberge «Zur Glocke». Hier traf ich den Prior der Kartäuser von Eisenach. Dieser war bei Bruder Klaus gewesen und erzählte mir viel über ihn.
  
Um nun wieder zum Thema zurückzukehren: Der Leutpriester und Pfarrer von Kerns hielt vor Gott und uns in der Kapelle von Bruder Klaus die Messe von der heiligen Maria Magdalena. Und als die Messe beendet war, da ging der Leutpriester, Bruder Klausens Beichtvater, zu ihm hinauf und leitete es in die Wege, dass ich Bruder Klaus sehen durfte. Er nahm mich und meinen Knecht mit sich und führte uns zu Bruder Klaus, in seine Zelle, die an die Kapelle angebaut ist. Als wir seine Klause betraten, da empfing uns Bruder Klaus mit fröhlichem und lachendem Gesicht. Er reichte jedem von uns die Hand, die überhaupt nicht kalt, sondern natürlich warm war. Dabei bat er uns noch um etwas Geduld, er wolle noch ein wenig zum Volke sprechen, das in der Messe gewesen war. Darum ging er von uns weg zum Glasfensterchen, machte es auf und sagte: «Gott gebe Euch einen guten seligen Morgen, ihr lieben Freunde und lieben Leute.» Sie dankten ihm. Dann schloss er das Fensterchen wieder und setzte sich zu uns. Nun begann ich zu erzählen, wie ich aus fernen Landen zu St. Maria Magdalena [Saint Maximin in Aix-en-Provence und La Beaume], zu St. Anna [Saint Asad bei Tarascon], zu St. Anton [Saint-Didier-la-Mothe bei Vienne in der Dauphine] und zu vielen anderen lieben Heiligen pilgerte, wie ich früher schon berichtete [u. a. zu Saint-Lazaire in Marseille, zu den drei hl. Marien in Arles] – und nun zu ihm. Als er dies hörte, sagte er zu mir: «Ich habe meine Kapelle auch zu Ehren der hl. Maria Magdalena weihen lassen.» Dann erzählte ich ihm alle Legenden von Maria Magdalena, wie sie über das Meer nach Marseille gelangt wäre, wie sie dann in der Höhle von Allebouma [La Beaume] wohnte, wo sie die heiligen Engel siebenmal am Tag in die Luft entrückt hätten, wie sie verstorben und in Saint-Maximin begraben worden sei. Und ich erzählte ihm so viel, dass ihm die Augen von Tränen überliefen. Danach gab er uns noch viele liebliche göttliche Lehren.
  
[Die bischöfliche Untersuchung – Inquisition] Als er zum Schluss kam, sagte ich ihm: «Lieber Bruder Klaus. Ich habe bei uns zu Hause vernommen, dass Ihr nichts esst und nichts trinkt, und dies nun schon seit einigen Jahren. Wie steht es darum?» Er antwortete: «Gott weiss.» Und setzte fort: «Es gibt etliche Leute, die sagen, das Leben, das ich führe, das sei nicht von Gott, sondern vom bösen Geist. Deswegen hat mein Herr von Konstanz, der Bischof, drei Bissen Brot und etwas St. Johannes-Wein gesegnet in der Meinung, wenn ich die drei gesegneten Brotbissen esse und den heiligen, gesegneten Wein trinke, dann würde es recht um mich stehen, wenn ich aber das Brot nicht essen und den Trank nicht trinken würde, dann wäre es ein echtes Zeichen dafür, dass mein Leben dem bösen Geist verfallen sei. Unter anderem fragte mich der Herr Bischof von Konstanz, was ich denn vom Christentum für das beste und vornehmste halte. Ich antwortete ihm, dies sei der heilige Gehorsam. Darauf sagte der Herr Bischof: ‹Wenn der Gehorsam das beste und das allervornehmste ist, dann befehle ich Euch, dass Ihr diese drei Brotbissen esst und diesen St.-Johannis-Segen trinkt.› Aber ich bat meinen Herrn Bischof, er möchte mir das doch erlassen und darauf verzichten, denn es würde mir schwerfallen und mir bittere Schmerzen bereiten. Darum bat ich mehr als einmal. Er wollte es aber nicht erlassen, nicht darauf verzichten, und so musste ich gehorchen, das Brot essen und den Trank trinken.» Da fragte ich [Waldheim] ihn [Bruder Klaus] noch: «Und seit der Zeit, habt Ihr wieder einmal etwas gegessen oder getrunken?» Aber ich konnte von ihm nichts anderes erfahren als: «Gott weiss.» Und nach mancherlei Gesprächen verabschiedete ich mich erfreut von ihm und empfahl mich in sein innigstes Gebet. Dann gab er uns seine Hand, und wir verabschiedeten uns.
  
Wir wollten gerade weggehen, da fiel mir ein, dass ich noch etwas vergessen hatte, etwas, was ich eigentlich noch mit ihm hatte besprechen wollen. Darum bat ich den Leutpriester, seinen Beichtvater, er möge es mir doch ermöglichen, dass ich nochmals zu ihm gehen könne. Das geschah dann auch, und so gingen wir ein zweites Mal zu ihm. Wieder empfing er uns, indem er uns seine Hand reichte. Dann redete ich mit ihm, soviel mir wichtig erschien, und verabschiedete mich nochmals mit Handschlag.
  
Als wir weggehen wollten und auf dem Vorplatz der Kapelle standen, da ereignete es sich, dass Bruder Klaus hinauskam und den Leutpriester, seinen Beichtvater, nochmals zu sich rief und mit ihm vertraulich über etwas redete, was ihn bedrückte. Dann zogen wir weiter.
  
Der Leutpriester führte uns anschliessend durch ein tiefes Tal über einen Steg, der über einem tosenden Wildbach errichtet worden war. Dann, es machte uns grosse Mühe, stiegen wir auf einen Berg hinauf, der mehr als ein Armbrustschuss weit hoch war. Er führte uns zu einem Einsiedler, der hiess Bruder Ulrich. Er hat [im Mösli] eine Zelle, keine Kapelle, dafür aber einen Vorraum, da stehen etliche Abbildungen vom Leiden unseres Herrn und von Heiligen. Und neben der Zelle fliesst eine Quelle aus dem Berg. Der genannte Bruder Ulrich ist ein kleines Männlein und isst im Tag nicht mehr als drei Bissen Brot, in etwas Wasser eingeweicht. Auch er lebt in grosser Enthaltsamkeit und trinkt nicht.
  
Der genannte Bruder Ulrich führte uns in seine Klause hinein, zeigte uns seine Behausung und seine Bücher, die er liest, denn er ist ein gelehrter Mann, während Bruder Klaus ein purer Laie ist [er konnte nicht lesen und schreiben]. Nebst vielem anderen fragte mich Bruder Ulrich, aus welchem Land ich kommen würde. Ich antwortete ihm, ich käme aus Halle in Sachsen im Bistum Magdeburg. Da setzte er sofort ein und fragte nach Gerke Keller in Magdeburg und nach anderen von meinen Landsleuten. Darum fragte ich ihn, woher er denn so gut mit meinem Land bekannt sei, ob er dort ein Handwerksmann gewesen sei. Er antwortete: «Ich bin dort gewesen.» Anderes konnte ich nicht in Erfahrung bringen. So nahmen wir Abschied von ihm, gingen wieder fort und kamen zu dem Dorf [Zuben bei St. Niklausen], wo ich den Hengst stehen gelassen hatte. Ich setzte mich in den Sattel und ritt auf ihm wieder nach Kerns zurück zur Herberge. Ich hatte die Mahlzeit bestellt. Als wir zur Herberge kamen, fragte mich der Ammann, mein Wirt, ob ich nun bei Bruder Klaus gewesen sei und wie mir sein Leben gefalle. Ich berichtete alles, was ich erlebt hatte, besonders wie ich Bruder Klaus als frommen Mann und lebendigen Heiligen kennenlernte. Von ihm vernahm ich dann noch, dass, wenn er sterben werde, nach seinem Tod viele Wunder und Zeichen geschehen würden. Mein Wirt fragte mich auch nach Bruder Ulrich. Auch von ihm berichtete ich ihm. Unter anderem: Ich sei erstaunt darüber, wie gut er in meinem Land die Leute kenne, von einem hätte er sogar den Namen gewusst. Ich hätte ihn gefragt, ob er denn ein Handwerksmann gewesen sei. Weiteres hätte ich nicht erfahren können, denn er hätte nur gesagt, er wäre dort gewesen. Darauf sagte der Wirt, dieser sei in seinen Tagen ein grosser Räuber gewesen. Nachdem wir gegessen hatten, zahlte ich die Rechnung für die Herberge und gab dem Leutpriester eine Votivgabe, ein Geschenk und ein Almosen. Ich dankte ihm für seine Begleitung, seine Mühe und Arbeit, seine Empfehlung. Ebenfalls dankte ich dem Wirt und der Wirtin für die gute Herberge. Dann zogen wir wieder den Berg hinunter. Schliesslich sassen wir im Schiff und fuhren nach Luzern, wo meine [eigenen] Pferde standen.
  
[Von Luzern reitet er nach Arth und übernachtet dort im Roten Ochsen, wo er die guten Fische im Zugersee rühmt; anschliessend reitet er nach Einsiedeln und dann nach Zürich.]
 
Edition Welti, originalsprachlicher Text und Einleitung (PDF mit OCR, 13,2 MB)
    
  
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