Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Mystik und Mathematik · Analyse der Radskizze
  
   4. Ein relationales Person-Modell
   
Der Ausgangsort des ethischen Denkens und Handelns ist die Person, die Grundlage des menschlichen Wesens. Auf Grund der Philosophie des Aristoteles definiert Manlius Severinus Boethius (480–524) «Person» so: «Die Person ist die unteilbare Grundlage des vernunftbegabten Wesens.» (persona est naturæ rationabilis individua substantia). Die Person ist zudem «unteilbar» (individua), entsprechend dem griechischen «atomos» (vgl. «Atom»). Die Person ist die Seele des Menschen. Ein Individuum ist etwas Einmaliges, es hat eine Identität. In der Materie besteht das Atom aus einem Kern und einer Hülle, so stellen es die gängigen Atom-Modelle dar. Besteht nun auch analog die Person aus einem Kern und einer Hülle? – Bereit in meiner früheren Studie «Sterben ist eine Geburt» habe ich versucht, dementsprechend ein Personmodell darzustellen.
  
 Studie: «Sterben ist eine Geburt» (PDF 1938 kB)
  
Was ist nun in einem relationalen Personmodell der Kern? Und was die Hülle? – Wenn wir die Identität als reflexive Relation, als Nullvektor in der Form eines Punkts darstellen können, dann ist der Kern der Mittelpunkt der Person – der Fokus der Emotionen und Motivationen, ein Schnittpunkt der Relationen, bzw. der Vektoren. Die Hülle ist gleichsam die dem Mittelpunkt zugewandte Oberfläche einer Kugel. Wir könne diese Oberfläche auch «Erfahrungshorizont» nennen. Hier werden dynamisch Effekte aus Erfahrungen gespeichert, die sich aber selber wieder zu neuen Erfahrungsmomenten gleichsam wie Vektoren addieren usw. Die Effekte sind fliessend; der Horizont ist immer in Bewegung. Neue Situationen werden mit diesen Erfahrungsmomenten verglichen, bilden aber auch Überlagerungen, Traumbilder, Visionen. Überlagerte Traumbilder sind nicht wirklichkeitsfremd, die Elemente sind nur seltsam zusammengesetzte Gebilde aus Bruchstücken von Bildern. Sie haben nichts mit der Zukunft zu tun, sie widerspiegeln Erfahrungsmomente aus der Vergangenheit, mehr oder weniger kombiniert mit Effekten der Möglichkeit aus unseren Wünschen, die sich ebenfalls im Erfahrunfshorizont in Bewegung halten. Im Zustand des Bewusstseins sind die aus dem Mittelpunkt kommenden Bewegungen die Verantwortlichen für die Konstellation der Effekte, sie splitten Effekte in einzelne Vektoren oder setzen einzelne Effekte zu grösseren Komponenten zusammen (Vektoraddition).
  
Personmodell
  
«Existenz» (existens) bedeutet wörtlich «heraustretend», «hervortretend», eher nicht «da sein», «vorhanden sein». Heraustreten aus was? Heraustreten aus dem Makrokosmos (Aussenwelt) und auf sich selbst geworfen in seiner eigenen Innenwelt. Existenz ist im Normalfall nicht einfach nur ein statisches Dasein oder Herausstehen aus dem Nichts ins Sein, sondern Existenz ist dynamisch und interaktiv, d. h. Bewegungen aus dem Kosmos kommen auf ihn zu – Wahrnehmung (sensation, perception) –, dringen in ihn ein – Gefühl (feeling, die innere Wahrnehmung) –, und Bewegungen gehen von ihm aus – Handeln –, die wiederum im Personkern (Identität) ihre Wurzeln haben und Fortsetzungen von nach aussen gerichteten Bewegungen in der Person sind – Emotion. Die Summe der zur Handlung entlassenen Emotionen ist ein Vektor: die Motivation – eigentlich auch die Stimmung in Relation zu einer Situation. Eine Motivation hat einen relativen Wert auf einer Skala zwischen Angst und Mut. Angst ist eine negative, Mut eine positive Motivation. Die Veränderlichkeit der Motivation sollte gegeben sein, in kürzerer oder längerer Zeit kann sich ein Stimmungsumschwung ereignen. – Existenz als interaktives Geschehen zwischen Aussen und Innen ist auch verstehbar im Vergleich mit der griechischen Sprache (εξίστημι): «aus sich heraustreten», aber auch «sich verändern» und sogar noch «sich bewegen». Das würde dann bedeuten: Existenz ist auf der anderen Seite der Interaktion ein Heraustreten aus sich selbst, aus der dem Individuum je eigenen Identität in der Verwirklichung seiner Emotionen, seines Wünschens und Strebens, im sinnerfüllten Handeln. Das ethisch Gute ist dann, schlicht gesagt, je das, was einen Sinn hervorbringt, für sich selbst und für die Aussenwelt.
  
«emotio» ist wörtlich genommen eine Bewegung aus … Woraus? Aus dem Kern der Person, alle Bewegungen aus diesem Kern sind Emotionen. Die Gefühle sind die Bewegungen in umgekehrter Richtung, zum Kern hin.
  
Die Hülle der Person ist der Erfahrungshorizont. Er ist multifunktional. Er kann gleichsam als «Filter» dienen, wo äussere Sinneswahrnehmungen – wie bei einem halbdurchlässigen Spiegel – selektiv durchgelassen werden. Ebenso können durch den Erfahrungshorizont die Emotionen selektiert werden, um nur gewählte und mehr oder weniger gezielte Handlungen zu entlassen. Die «Filterung» geschieht jedoch immer im Auftrag durch den Personkern, der Identität des Menschen; er bestimmt, was bewusst wahrgenommen und was abgedrängt, bzw. «verdrängt» werden soll. Der Erfahrungshorizont ist aber nicht nur die innere Oberfläche einer Kugel, er hat, dreidimensional, auch eine Tiefe, er hat tiefere Schichten der gespeicherten Effekte aus Erfahrungen. Die dem Kern zugewandte Schicht ermöglicht einen höheren Bewusstheitsgrad als die tieferen Schichten. Die Effekte werden permanent dynamisch verändert, neu zusammengestellt, umgeschichtet, gesplittet oder verbunden (vgl. Vektoraddition). – Der Erfahrungshorizont ist der Speicher-Ort für die Erinnerungen, für die Effekte der Erfahrungen, auch der Denk-Erfahrungen. Wenn wir mit dem Computer vergleichen würden, wäre er aber nicht Hardware sondern Software. – Da Erinnerungen als Effekte der Erfahrungen nicht vollständig «gelöscht» werden können, wächst der Erfahrungshorizont mit den Jahren in seiner Tiefe gleichsam wie der Querschnitt eines Baumstammes.
  
Denken ist Reflexion. «reflexio» ist wörtlich ein Zurück-Biegen. Denken ist Interaktion zwischen dem Personkern und dem Erfahrungshorizont. Denken ist ein Selbstgespräch, wo das Personinnere als Selbstparlament agiert. Denken ist ein Selbsterlebnis, aus dem wiederum Erfahrungen gezogen werden. Diese Interaktion kann sich mehr oder weniger bewusst ereignen. Unbewusste Reflexion ereignet sich schnell, währendem wir im bewussten inneren Wahrnehmen und Agieren in gewissen Momenten innehalten, einen Ausschnitt des Geschehens festhalten. Bewusstheit ist aber gleichsam vierdimensional, abhängig von der Position der Erfahrungseffekte in den Tiefenschichten des Horizonts und abhängig auch vom Verweilen in der Zeit – gleichsam je als Momentaufnahme, als «Einzelbild» aus einer schnellen Abfolge von Bildern. Neue Effekte der Erfahrung werden immer als Resultat der Interaktion zwischen Kern und Horizont gebildet. In den neuen Effekten sind aber immer ältere Effekte miteingearbeitet. Neue Effekte sind Summen aus selektiven Effekten früherer Erfahrungen.
  
Äussere Erlebnisse werden durch die Interaktion zwischen Gefühlen und Emotionen zu inneren Erfahrungen. Erlebnisse sind von der Person wahrgenommene Ereignisse. Erlebnisse werden vektoriell im Erfahrunshorizont zu Erfahrungen, als Erfahrungsmomente «gespeichert». Vektoriell bestehen hier die Summen je aus Teilvektoren, den Effekten der Erfahrungen.
  
Nun ist also Wahrnehmen kaum je völlig äquivalent mit Wahr-Haben-Wollen. Das Erkennen ist immer selektiv abhängig von der Interaktion des Personkerns mit seiner Hülle, dem Erfahrungshorizont. Das Bekennen, die entsprechende Aussage oder Handlung, ist es nochmals. Darum ist die Qualität der Wahrheit – Wahrheit als personales Ereignis – immer nur relativ, d. h. relational abhängig von dem, was sich in der Person abspielt. – Zudem: Teile neu wahrgenommener Erlebnisse können bereits aus dem Kern heraus als Effekte in tiefere Schichten der Erfahrungssphäre verschoben werden, d. h. sie werden in den «unsichtbaren», unbewussten Hintergrund versetzt oder wegen ihrem unangenehmen Charakter «verbannt», eben verdrängt. Unbewusste Effekte werden jeweil bei der Äusserung nicht explizit eingebracht, wohl aber oft durch die Nonverbale Kommunikation (z. B. durch die Körpersprache) für Andere wahrnehmbar. Unbewusstes wird demnach im Wahrheitsgeschehen nicht explizit geäussert. Dennoch, es ist eben nicht «gelöscht» worden, sondern immer noch da. Erich Fromm (Haben oder Sein, 1976) nennt die verdrängte Wahrheit «unbewusstes Wissen». – Eine neurotische Störung ist ein Stau von im unbewussten Bereich fixierten Emotionen, die einander diametral entgegenwirken.
       
  
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