Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Das Sachsler Meditationsbild
Speculum Humanæ Salvationis – Ein Spiegel des christlichen Lebens
  
   1. Teil      2. Teil      3. Teil      4. Teil      5. Teil      6. Teil
  
5. Teil: Das Rad – Alltagsgegenstand, Symbol und Emblem
  
MeditationsbildWenn heute jemand ohne jegliches Vorwissen das farbige Meditationsbild von Bruder Klaus betrachtet, kommt er wohl kaum spontan darauf, dass es mit einem Rad etwas zu tun haben könnte. Ob das Rad für den Künstler seinerzeit das Leitmotiv für das Schaffen war, ist auch nicht gerade wahrscheinlich. Allein das, was eigentlich die Radspeichen sein sollten, erscheint hier anders, nämlich so, wie man damals Lichtstrahlen darstellte. Wenn also jemand hier einen Zusammenhang mit dem Rad herstellen wollte, müsste dies schon eine originelle Idee sein. Allerdings haben wir in der Hochsprache des Mittelalters, dem Latein, für «Speiche» und «Lichtstrahl» dasselbe Wort: «radius» oder «radiolus» (so bei Gundelfingen). Dieser Weg der Wortbedeutungen ist äusserst wichtig. – Der Text im Pilgertraktat zeigt da eine zögerliche Annäherung: Hier ist meistens von «spiczen» (Spitzen) die Rede, etwas seltener wird «spaichen» gebraucht. Der Entdecker der Rad-Idee (Interpretation) muss höchstwahrscheinlich gute Kenntnisse der lateinischen Sprache gehabt haben, um den Paradigmenwechsel, die Begriffsverlagerung, gedanklich nachvollziehen zu können. Übrigens ist das deutsche Wort «Rad» abhängig vom Lateinischen «radius». Um überhaupt in das farbige Meditationstuch ein «Rad» hineininterpretieren zu können, was rein optisch nicht zwingend ist, braucht es die Vertrautheit mit der lateinischen Sprache. Dieses originelle Unterfangen der Assoziation gelang seinerzeit bloss Gundelfingen. Radspeichen an sich sehen ja niemals so aus wie die gelben Strahlen.
  
Wenn wir etwas mehr über die Entstehung dieser originellen Interpretation erahnen möchten, müssen wir zuerst einmal festhalten, welche Bedeutung das «Rad» in den Sprachspielen des Mittelalters hatte. Die Menschen damals kannten das Wagenrad, um Schwerkraft und Bodenhaftung zu überwinden, dann das Spinnrad, um aus Wolle oder Leinen Fäden ziehen zu können, um hernach Stoffe für allerlei Zwecke weben zu können. Bald einmal wurden Segelschiffe auf dem Rhein mit einem Rad – Steuerrad – gesteuert, das das Ruder leichter bewegen konnte. Die Zeit des Lebens eines Menschen, wo es auf- und abwärts geht wurde als Rad gesehen, bis schliesslich ein Werk aus Rädern den Menschen die Zeit anzeigte.
  
Das Rad als Symbol im Alltag der Menschen dürfte wohl sicher ein Leitmotiv für die originelle Interpretation gewesen sei, beim Meditationsbild von Bruder Klaus handle es sich um ein Rad. Welches Symbol oder sogar Emblem vor allem? Gab es im späteren Mittelalter ein solches Symbol von grossräumiger Bedeutung? Ja, es war das Mainzer Rad, das Symbol im Wappen des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz. Da viele Orte politisch und wirtschaftlich von Mainz abhängig waren, finden wir das Mainzer Rad in gegen hundert Wappen anderer Orte, so auch im Wappen der Stadt Erfurt in Thüringen usw. Das Rad weist eine 6-strahlige Symmetrie auf und ist der Radskizze im Pilgetraktat und in der Handschrift Gundelfingens nicht fern. Die sechs Speichen sind schön gedrechselt, so dass das Rad eher zu einer herrschaftlichen Kutsche gehören sollte oder eben ein Steuerrad eines Schiffes (meist jedoch 8-strahlig symmetrisch) war. Das Letztgenannte ergibt eine hochspirituelle Metapher: Gott, der reines Wirken ist und in drei Manifestationen (Personen) existiert, steuert jegliches Geschehen in Zeit und Ewigkeit. – Das Mainzer Rad als Wappensymbol hatte der Sage nach seinen Ursprung in Willigis, der 975 Erzbischof von Mainz und damit Kurfürst wurde. Mit dieser Sage befassten sich später auch die Gebrüder Grimm. – Der Erzbischof war nicht nur Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, er war auch Herrscher über die weltlichen Besitzungen seines Erzbistums und darüber hinaus auch Oberhaupt der gleichnamigen Kirchenprovinz. Zu ihr gehörten u. a. die Bistümer Konstanz und Strassburg – Basel hingegen nicht; bei Basel bildete der Rhein die Grenze. Es kann sein, dass Heinrich Gundelfingen, dessen Arbeitsort, Freiburg im Breisgau, in der Kirchenprovinz Mainz lag, sich durch das Mainzer Wappen inspirieren liess für die Interpretation der Grundstruktur des Sachsler Meditationstuches. Das Wappen enthält ein (Steuer-)Rad, meistens mit sechs Speichen, bisweilen jedoch auch mit acht. (• Wappen des Kurfürsten von Mainz) – Patron von Mainz ist übrigens seit eh und je der hl. Martin von Tours.
  
Radskizze Gundelfingen           Wappen von erfurt
Abbildung links: Radskizze Gundelfingens            
Abbildung rechts: Das heutige Wappen von Rheinland-Pfalz ist dreiteilig; es enthält die Wappen der drei Kurfürsten, die ehemals in seinem Gebiet ansässig waren: Pfalzgraf bei Rhein (Kurpfalz, goldener Löwe auf Schwarz), Erzbischof von Trier (rotes Kreuz auf Silber) und Erzbischof von Mainz (silbernes Rad mit sechs Speichen im roten Feld =
Mainzer Rad).
  
Ein weiteres ikonographisches Vorbild für diese Sechs­tei­lung ist das spätrömische Feldzeichen zur Zeit des Kaisers Konstantin, auch «Labarum» genannt: Ein mit Blumen ge­schmückter Kranz und darin das Christus-Monogramm ΧΡ (Chi-Rho) sowie Alpha und Omega für Anfang und Ende.
  
Lichtstrahlen werden ausgesendet und wieder reflektiert (zurückgeworfen). Der Maler des Meditationsbildes hatte wohl kaum die Idee, ein Rad darzustellen sondern nur in sechs Medaillons die wichtigsten Glaubensinhalte, zusam­men mit Strahlen, die vom gekrönten Haupt – der Mensch als Krone der Schöpfung und Gottes Ebenbild – weggehen und zurückkehren. Die drei ausgehenden Strahlen, so Gundel­fingen (Zeichnung 90° gedreht), würden die vor­züg­lichen Wirkungen der Dreieinigkeit, die Schöpfung, die Passion und die göttliche Verkündigung. Genau diese drei Glaubenswahrheiten werden dementsprechend in drei Medaillons dar­gestellt. Die drei anderen Medaillons werden von ihm nicht typisch erklärt und entbehren einer schematischen Zuordnung. – Was ist im Zentrum dargestellt? Gundelfingen scheint irgend­wie zu zögern. Zuerst schreibt er zweimal, es sei das göttliche Antlitz (divinitas facies) dargestellt. Dann aber stuft er diese wieder herab und spricht vom Abbild Gottes, vom Spiegel Gottes (divinitatis speculum). Das Zögern zeigt uns die Unklarheit auf und macht die Leser stutzig. Im Pilgertraktat wird sodann versucht, meditativ diese Unklarheit zu erschliessen, wobei nur eines klar wird: Der Mensch ist das Abbild, das Ebenbild Gottes (Gen 1,26). – Dass der Maler in der Mitte Gott darstellen wollte ist eher unwahr­scheinlich. Vielmehr will er dem Menschen – dem Auftraggeber oder GoldschmiedearbeitEmpfänger des Bildes – das Wichtigste vor Augen halten: Der Mensch soll in Ehrfurcht die Werke Gottes betrachten (Auge), das Wort Gottes hören (Ohr) und den Glauben bekennen (Mund). In einer zweiten Ebene soll der Mensch auch den Glauben im Tun bekennen, in dem er gegenüber den Geschöpfen Gottes Barmherzigkeit zeigt (Symbole der Werke der Barm­her­zig­keit). Der Mensch ist Abbild Gottes. Gott ist Barmherzigkeit (caritas, misericordia). Diejenigen, die Gott zornig sehen, erkennen nicht sein wahres Angesicht. So predigte Martin Luther in Wittenberg. Hatte Bruder Klaus Gott in einer Imagination (Vision) auch nur ein einziges Mal zornig gesehen? Das würde überhaupt nicht zu ihm passen. Die Rede von der Schreckensvision ist reines Gerücht.
  
Goldschmiedearbeit Ende des 20. Jahrhunderts
  
Autor: Werner T. Huber, Dr. theol.        © 1981–2017

Studie «Das Sachsler Meditationstuch» als Druckversion (PDF)
  
                        "              als Mind Mapping der Devotio Moderna (PDF)
  
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