Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Johannes Trithemius aus Spanheim
  
Quelle Nr. 038

  

  
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Zeit: 6. August 1486
  
Herkunft: 5. Predigt aus den Mahnpredigten an die Mönche von Spanheim, datiert mit «sexta die mensis Augusti, anno Christianorum MCCCCLXXXVI.[1486], Druck: Joannis Trithemii Spanhemensis primum deinde d. Jacobi in suburbano Herbipolensis abbatis ... opera pia et Moguntiae ex typographeo Joan. Albini Anno dom MDCIV., S. 476ff.
  
Kommentar: Wie in anderen zeitgenössischen Berichten wird hier vom Spanheimer Abt Trithemius in einer Predigt das Fasten von Bruder Bruder als gutes Beispiel hingestellt. Selbstverständlich konnte die extreme Nahrungslosigkeit kaum jemandem empfohlen werden. Es geht um etwas anderes: Alles mit Mass zu tun. Die Vorhaltungen Trithemius' waren offensichtlich berechtigt, denn die Ernährungsgewohnheiten seiner Zeitgenossen (wie zu allen Zeiten) waren sehr bedenklich. Manche assen den ganzen Tag, viele nur gerade aus Langeweile. – Zurück zum Leben, zurück zur Natur – so hiess gleichsam das Motto des rheinpfälzischen Abtes. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Gesundheit, die des Leibes und die des Geistes. Ungewollt wird Bruder Klaus so zum Bezugspunkt, zum Richtungsweiser für die massvolle Lebensweise, gleichsam wie ein Berg, auf den man zwar nicht geht, aber an dem man sich orientieren kann, damit man auch wohlbehalten an das gewünschte Ziel kommt. Weniger die Worte des Eremiten, sondern viel mehr seine ganze Lebensweise vermitteln den Mitmenschen ein Stück wertvolle Lebensweisheit.
     Der Weg, wie Bruder Klaus zur völligen Nahrungslosigkeit gelangte, wird von Trithemius nicht exakt beschrieben. Andere, zuverlässigere Quellen (etwa das Sachsler Kirchenbuch) reden davon, dass sich Niklaus bereits in seiner Jugendzeit äusserst massvoll ernährte. Das Fasten rührte nicht von einem Zwang her, weder von aussen noch von seinem Gewissen, vielmehr war es seine Natur, dass er kein grosses Verlangen hatte zu essen. Stärkere Einschränkungen machte er in den letzten Jahren vor dem grossen Abschied, aber auch dies ohne sich dazu zwingen zu müssen. Genau am 16. Oktober 1467, als er seine Familie verliess, begann auch die völlige Nahrungslosigkeit. Die Ernähung war bei ihm verbunden mit der häuslichen Lebensgemeinschaft, als er diese aufgab, gab er auch alles auf, was dazugehörte.
     Von Trithemius existieren noch weitere Berichte über Bruder Klaus (Chronik des Klosters Spanheim, 1506–1513, Quelle 204). – Trithemius verlässt 1506 das Kloster Spanheim und übersiedelt nach St. Jakob in Würzburg, wo er am 13. Dezember 1516 im Alter von 56 Jahren starb.
  
Referenz: Robert Durrer, Bruder Klaus-Quellenwerk, 350–353

  

   Wenn wir also unseren Herrn und Erlöser mit uneingeschränkter Aufrichtigkeit verehren, ist dies nur recht und billig, und wir sollen aus Liebe zu ihm unsern Körper in Zucht halten. Aus zweifachem Grunde gereicht uns die Enthaltsamkeit zum Verdienst, einerseits entsprechen wir mit dem Fasten aus Gehorsam den Geboten der Väter, und anderseits, wenn wir aus Liebe zu Gott fasten, zeigen wir unserem Erlöser, der für uns den Tod erlitt, unseren Dank. Die Enthaltsamkeit mehrt unser Verdienst, beweist Gehorsam, zeigt Weisheit und Bildung, reinigt den Verstand, gibt uns Sieg über die bösen Mächte, vervollkommnet die Frömmigkeit, erwirbt uns Verzeihung der Sünden, bezwingt die bösen Gelüste des Fleisches, verschafft den Gebeten Wirksamkeit und gibt dem Nächsten ein Beispiel der Tugend. Die Enthaltsamkeit reinigt das Gemüt, schmückt die Seele mit Tugend und heilt das schwache Fleisch. Wer die Enthaltsamkeit schätzt, ist ein Weiser, und wer das Fasten liebt, ein starker Herrscher. Ein nüchterner Sinn ist der Sitz der Weisheit, wer aber die Gastmäler vorzieht, stirbt in Geistesschwäche. Es ist für den, der sein Leben in Üppigkeit verbringt, schwer, ein Weiser zu werden. Die Natur ist mit wenigem zu frieden, und in Mässigkeit wird die leibliche Gesundheit bewahrt. Schon gar vielen hat längere Zeit fortgesetzte Gefrässigkeit Schaden gebracht, und es sind mehr durch die Folgen des Rausches, als durch das Schwert getötet worden. Die Gewohnheit scheint die Natur besiegen zu können, und je länger sie erstarken kann, desto kräftiger wird sie in allem sein.
  
Bei den Schweizern lebt ein Mann, namens Niklaus, dessen Enthaltsamkeit die Bewohner ganz Deutschlands in Bewunderung versetzt hat, und heute wird ihm, wie Ihr gehört habt, in aller Mund der Titel eines Heiligen verliehen. Er war vormals ein Bauer in irgend einem schweizerischen Dorf und pflegte nach altgermanischer Sitte unter den «Vierzehn», den streitenden Dorfgenossen Recht zu sprechen. Da geschah es einmal, dass er ein Urteil seiner Beisitzer, das er als ungerecht ansah, nicht rückgängig machen konnte und für sein Seelenheil fürchtete. Er verliess Haus, Frau, Kinder und alle weltlichen Geschäfte und Güter und zog sich, um Gott zu dienen allein in einen benachbarten Wald zurück, wo er ein Einsiedlerleben führt. Und heute ist es das zwanzigste Jahr, seitdem er in die Einsamkeit gezogen ist und keine menschliche Speise zu sich genommen hat.
  
Ich spreche von Allgemeinbekanntem; ich glaube, es lebt kein Mensch in Deutschland, der die Kunde über dieses Wunder nicht vernommen hat. Und damit nicht etwa in Zukunft jemand einen Betrug vermutet und nicht glaubt, nenne ich neben den Eidgenossen den Bischof von Konstanz als Zeugen, der seine Sitten und sein Leben aufmerksam beobachtet. Er ist ein Mann von scharfem Verstand, der wie ein zweiter Einsiedler Antonius, obwohl des Lesens und Schreibens völlig unkundig, aufs beste den Sinn der Heiligen Schriften erfasst. Wir sahen, wie beredt er mit einem Magister über das Altarssakrament disputierte, worüber sich dieser, der aus lauter nachdenkendem Studium den kirchlichen Erklärungen keinen Geschmack abzugewinnen vermochte, nicht genug verwundern konnte. Dies, meine Brüder, habe ich angeführt, damit ihr erkennt, dass nichts so schwierig ist, dass es nicht durch fortgesetzte Übung leichter wird. Dieser heilige Mann gelangte, wie er selbst bekennt, nicht plötzlich zu jener Höhe der Enthaltsamkeit, sondern mit der Zeit, allmählich, stufenweise, indem er sich nach und nach massvoll den Speisen entzog, bis er endlich ganz und gar fasten konnte. Er enthält sich nämlich, wie wir gesagt haben, jetzt schon zwanzig volle Jahre aller vergänglichen Speise. Nach dem Beispiel dieses Mannes sollte jeder von euch, meine Brüder, lernen, sich täglich aus Liebe zu Gott etwas von Speise und Trank zu entziehen und davon seinem Körper nicht so viel, als man kann, sondern so viel, als man zum natürlichen Unterhalt braucht, zuzuführen. Nach dem Zeugnis des Boëtius ist die Natur mit wenigem zufrieden und wenn du versuchst, ihre Verdauung mit überflüssiger Speise zu belästigen, so wird das, was du ihr aufdrängst, entweder unangenehm oder schädlich. Viele Speiseschüsseln erzeugen viele Krankheiten; ein voller Bauch schwächt den Geist und peinigt das Leben. Darum sagt der weise Mann: «Süss ist der Schlaf des Arbeitsamen, mag er wenig oder viel essen, die Sättigung des Reichen aber gestattet nicht zu schlafen.» Ohne Übersättigung soll man den Bauch füllen, und ohne Übelkeit soll man vom Tische aufstehen. Wir sollen also nicht essen, soviel wir können, sondern soviel es dem Bedürfnis der Natur entspricht.
    
  
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