Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Der sinngende Pilger – Bruder Klaus und der Bär
  
Synoptischer Vergleich und Kommentar
  
Grosse Rätsel wegen der Wortverwendungen und -bedeutungen gibt uns die Vision (Imagination) des singenden Pilgers [Wanderers] auf, die zweimal überliefert ist. Die Version von Caspar am Büel (Ambühl, Quelle 068) spricht von einem Mann «in bilgers wiß», was wir mit «Pilger» übersetzen können, aber auch mit «Kreuzfahrer», «Kreuzritter» oder auch nur «Wanderer». – Heinrich Wölflin benutzt in seiner lateinischen Vita das Wort «senex». Nun, Wölflin war ein Humanist und konnte mit der lateinischen Sprache virtuos umgehen. Was bedeutet also «senex»? «Greis»? Eher nicht, das ergäbe ja auch wenig Sinn. «senex» kann eben auch «Herr» bedeuten (vgl. spanische Anrede «Señor», französisch «Seigneur»), das «würdige Aussehen» und das vornehme Kleid rechtfertigen diese Übersetzung. – Dass in der Ambühl-Version ein physikalisches Phänomen miteinbezogen wird, ist recht bemerkenswert: Jeder Ton besteht aus einer ganz bestimmten Schwingung der Luft (Frequenz, gemessen in Hz), die sich wellenförmig fortbewegt. Jeder Ton hat so genannte «Oberwellen», mehrere Töne, die je genau eine Oktav höher liegen.
  
Beide um 1500 niedergeschriebenen Versionen basieren auf verschiedenen mündlichen Überlieferungen. Am Büels Version wurde durch die Tochter Verena von Flüe in Altsellen (nahe Engelberg) überliefert, sie war in zweiter Ehe mit Hensli Onofrius am Büel verheiratet. Caspar am Büel ist höchstwahrscheinlich ihr Sohn. Wölflin hörte seine Version in Sachseln von einem anderen Familienmitglied. Es existieren also eine Engelberger-Version und eine Sachsler-Version.
  
Hier nun eine synoptische Gegenüberstellung der beiden Quellen:
  
Caspar am Büel · Quelle 068 (1. Traum)
  
Heinrich Wölflin · Quelle 072 (§14)
  
1) Er hatte einen Traum. Da dünkte es ihn in seinem Geiste, als ob da einer daherkäme, der aussah wie ein Pilger [Wanderer]. In seiner Hand hielt er einen Stab. Sein Hut war aufgesetzt und hinten nach unten gebogen wie bei einem, der gerade zur Reise aufbricht. Zudem war er mit einem Mantel bekleidet. In seinem Geiste erkannte er, dass dieser vom Sonnenaufgang herkam, von weit her. Obwohl er es nicht sagte, kam er von da her, wo die Sonne im Sommer aufgeht. Er kam nun auf ihn zu, trat vor ihn hin und sang dieses Wort: «Alleluja.»
  
[§14] Später hatte er in seinem erweiterten Bewusstsein (per mentis excessum) noch eine andere Vision. Er wanderte durch eine einsame Gegend (loca derserta), weit entfernt von jeder menschlichen Siedlung. Von weitem sah er einen Herrn (acc. senem) mit ehrwürdigem Aussehen und schicklichem [anmutigem] Gewand entgegenkommen, der so liebliche Lieder sang,…
2) So begann er zu singen, und eine Musik begleitete ihn. Die Schöpfung, ja, alles, was zwischen Himmel und Erde war, sang mit, so wie bei der Orgel die kleinen Pfeifen mit den grossen mitschwingen. Aus einem einzigen Ursprung hörte er drei vollkommene Worte ausgehen und sogleich wieder zurückkehren, so wie eine Feder in einem Schloss heftig vorschiesst. Er hörte drei vollkommene Worte, und, obwohl keines der Worte das andere berührte, konnte er doch nur ein einziges Wort erkennen.
  
… welche einstimmig begannen und sich dann in drei Stimmen kunstgerecht aufteilten und wieder in eine einzige Stimme zurückkehrten. Dies alles klang in seinen Ohren in so wundersüsser Harmonie.
Im Geiste dies betrachtend, war er überzeugt, dass er durch diese Erscheinung in einem schlichten Gleichnis über die ungeteilte, sich in drei wunderbar zusammenstimmenden Personen unterscheidende Gottheit belehrt wurde.
  
3) Nach diesem Gesang bat er den Menschen um eine Gabe. Dieser hatte nun plötzlich einen Pfennig in der Hand, wusste aber gar nicht, wie dies möglich sein konnte. Der Pilger zog den Hut und empfing den Pfennig in seinen Hut. Und der Mensch wusste bisher nicht, dass es eine solche Ehre sei, eine Gabe in den Hut zu empfangen. Als der Herr näher trat, bat er um eine Gabe. Und nachdem er die Gabe von Niklaus empfangen hatte, verdankte er es ihm mit grösster Ehrerbietung. Doch plötzlich verschwand er. Dadurch wurde er noch mehr belehrt, dass nämlich von den Werken der Frömmigkeit die der Barmherzigkeit [im Originaltext, griechisch: elemosyna (ελεημοσύνη), das Erbarmens, das Mitleiden – auch: Werke der Barmherzigkeit] den ersten Rang beanspruchen.
  
4) Doch den Menschen wunderte es sehr, wer denn dieser sei und woher er gekommen sei. Jener sprach aber nur: «Ich komme von dort her.» Und weiter wollte er nichts sagen. Als er so vor ihm stand, verwandelte er sich. Er liess sich sehen mit entblösstem Haupt und einem Rock in blauer oder grauer Farbe. Den Mantel konnte er nicht mehr sehen. Er war ein derart edler, wohlgestalteter Mann, dass es eine wahre Freude war, ihn anzuschauen. Sein Antlitz war braun, was ihn vornehm zierte. Seine Augen waren schwarz wie der Magnetstein. Seine Glieder waren so wohlgeformt, dass es ihm ein besonders stattliches Aussehen verlieh. Obwohl er in seinen Kleidern dastand, hinderten diese nicht daran, seine Glieder anzuschauen.
   
5) Als er ihn so unverdrossen ansah, war sein Blick völlig gefesselt. Er geschahen viele grosse Wunder: Der Pilatusberg neigte sich nieder bis auf die Erde, und es öffnete sich das Innere der Erde, so dass es ihm vorkam, als ob alle Sünden der Welt offenbar wurden. Es war nun eine grosse Menschenmenge zu sehen, und hinter ihrem Rücken erschien die Wahrheit. Alle hatten ihr Gesicht von der Wahrheit abgewendet. Jedermann hatte an seinem Herzen ein grosses Geschwür – etwa zwei Fäuste gross. Dieses Geschwür war der Eigennutz, und es war ein solches Übel, dass sie den Anblick des edlen Mannes nicht ertragen konnten, so wenig wie der Mensch die Feuerflammen ertragen kann. Von einer schrecklichen Angst getrieben, fuhren sie umher, verunstaltet durch Laster und Schandtaten. So konnte er sie von ferne dahinfahren sehen. Aber die Wahrheit hinter ihrem Rücken verwandelte sich und sah aus wie das Bild im Schweisstuch der Veronika.
   
 6) Er war ganz ergriffen davon und wollte dieses Bild endlos anschauen. Aber plötzlich sah er ihn wieder so wie am Anfang. Sein Gewand war verwandelt, er war jetzt bekleidet mit einer Hose und einem Rock aus Bärenhaut. Die Bärenmütze war goldgesprengt. Jedenfalls sah er es deutlich, dass es eine Bärenhaut war. Diese stand ihm äusserst gut an, so dass der Mensch es sehen und erkennen konnte, welch besondere Zierde an ihm war. Als er so vor ihm stand, verlieh ihm die Bärenhaut ein vornehmes Aussehen, und er erkannte dadurch, dass er sich von ihm verabschieden wollte. Er fragte: «Wohin gehst du?» Jener antwortete: «Ich will das Land hinauf.» Und weiter wollte er ihm nichts sagen.
   
7) Als er sich von ihm verabschiedete, sah er ihm beharrlich hinterher. Da sah er, wie die Bärenhaut an ihm blitzte, mehr oder weniger, wie wenn jemand mit einer blank polierten Waffenrüstung dahinfährt. Bei diesem Blitzen an der Wand dachte er bei sich, dass ihm solches bisher immer verborgen geblieben war. Als er sich etwa vier Schritte entfernte, drehte er sich um und hatte plötzlich den Hut aufgesetzt. Er zog ihn, verneigte sich und zeigte ihm sein Wohlwollen. Da erkannte er an ihm eine solche Liebe, die er ihm entgegenbrachte, dass er davon ganz niedergeschlagen war, denn er erkannte, dass er diese Liebe nicht verdient hatte. Aber er sah an ihm diese Liebe.
   
8) Darauf sah er in seinem Geiste, dass sein eigenes Gesicht, seine Augen und sein ganzer Leib voller liebreicher Demut waren, gleichsam wie ein Krug, der bis oben hin mit Honig gefüllt ist, so dass kein Tropfen mehr darin Platz hat. Von da an sah er den edlen Mann nicht mehr. Aber es genügte ihm völlig, und er wünschte sich nichts weiter von ihm. Es dünkte ihn, als ob dieser ihm alles gezeigt hatte, was im Himmel und auf Erden war.
   

  
  
  
  
  
  
  
  
  
Bärentatze
[§17] Nicht zu übergehen ist ausserdem folgendes Geschehen. Während er gerade mit häuslichen Aufgaben beschäftigt war, kamen drei wohlgestaltete Herren zu ihm, die in ihrer Kleidung und in ihren Gesten eine adlige Herkunft verrieten. Der erste begann in folgender Weise zu sprechen: «Nikolaus, willst du dich mit Geist und Leib ganz in unsere Gewalt geben?» Jener antwortete sofort: «Ich ergebe mich niemandem, ausser dem allmächtigen Gott, dessen Diener ich mit Seele und Leib zu sein wünsche.» Nach dieser Antwort wandten sie sich ab und brachen in ein fröhliches Lachen aus. Und wiederum auf ihn zugehend, sprach der erste: «Wenn du allein Gott die ewige Dienerschaft gelobt hast, so versichere ich dir, im Alter von siebzig Jahren wird sich der gütigste Gott deiner erbarmen wegen all deiner Mühen, und er wird dich von allen Beschwerden erlösen. Darum ermahne ich dich zur beharrlichen Ausdauer. Dann werde ich dir im ewigen Leben die Bärentatze und die Fahne des starken Heeres geben. Das Kreuz aber, das dich an uns erinnern soll, lasse ich dir zurück.» Hierauf entfernten sie sich. In diesen Worten erkannte er, dass er, wenn er in den vielfältigen Stürmen der Versuchungen tapfer standhält, in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wird, gefolgt von einer grossen Heerschar.
  
[Landammann Rosacher, Urenkel von Bruder Klaus im Sarnerprozess 1591, Quelle 301, Vision Dorotheas:]
Bruder Klaus sei am dritten Tag nach seinem Absterben seiner Ehefrau [Dorothea] herrlich erschienen [Vision Dorotheas] und danach auch zwei anderen Personen, auf der Flüe gegen das Melchtal hin, unfern von seiner Wohnung, eine weisse Fahne tragend mit der Bärenklaue [Bärentatze] darin.
[§40] Als aber Frau Dorothea am Tage nach dem Tode des seligen Vaters zum Grabe kam, um zu beten, lief ein Bote zu ihr hin und tröstete sie mit ein paar Worten. Dabei erzählte er ihr, er habe den verstorbenen Niklaus in strahlenden Glanz auf dem Felsen gesehen, von dem gesagt wird, er habe jener Familie den Namen gegeben. Er habe eine Fahne in der Hand gehabt, darin sei deutlich eine Bärentatze abgebildet gewesen. Alle Widerwärtigkeiten seien nun durch die Beharrlichkeit dieses Starken überwunden.

Die Sonne als Symbol für Christus
  
Bei Ambühl kommt der Mann von Osten her, vom Sonnenaufgang – griechisch würde das «anatholë» heissen, also da, wo der Stern des neugeborenen Königs der Juden aufgegangen ist (Mt 2,2). Es wird noch näher darauf hingewiesen: … wo die Sonne im Sommer aufgeht – ein Bezug zur Sonnenwende am 21. Juni, was bei den alten Germanen ein besonderer Festtag war, korrespondierend mit dem 21. Dezember. Jesus Christus, der Gottessohn, wird oft symbolisch mit der Sonne und deren Wandel (vgl. Psalm 19) über der Erde gleichgesetzt: Sol Invictus (Festtag im antiken Rom: 21. Dezember), Sonne der Gerechtigkeit (Maleachi 3,20) usw.
  
Lobgesang der Schöpfung
  
Bei beiden Überlieferern singt der erscheinende Mann, bei Ambühl nur ein einziges Wort – «Alleluja» (Halleluja, hebräisch: lobet Jahwe) –, bei Wölflin sind es mehrere Lieder, wo der Sinn etwas fraglich erscheint. Bei Ambühl stimmt die ganze Schöpfung in einen einzigen Lobgesang ein (vgl. Psalm 148 und den Gesang der drei jungen Männer im Feuerofen, Daniel 3,57–90). Dieses Motiv passt haargenau zum entsprechenden Medaillon im farbigen Meditationsbild von Bruder Klaus: die ganze Schöpfung lobt den Schöpfer-Gott.
  
Harmonischer Dreiklang
  
Und dann wird versucht das Geheimnis des Unerklärbaren in Worte zu fassen: Aus einem einzigen Mund kommen drei Worte, die sich voneinander unterscheiden und trotzdem nur ein einziges Wort sind. Ist das nun für Wölflin zu hoch, zu unverständlich? Jedenfalls spielt hier der Lateineiner mit seinem reichen Vokabular, der auch viel von Musik versteht. Eine Stimme beginnt und teilt sich dann in drei Stimmen, die sich schliesslich wieder zu einer Stimme vereinen. Etwas tönt in dreifacher, wunderschöner Harmonie. Wölflin legt damit das abendländische Verständnis der Dreifaltigkeitslehre dar, denn das lateinische Wort «persona» (Person) kommt vom Verb «personare», das «hindurchtönen» bedeutet. Nun, im antiken Theater ist die «persona» eine Maske, welche der Akteur vor sein Gesicht hält, welche die Rolle bildlich zu erklären versucht. Heute – und das muss man leider sagen – ist der Begriff «Person» für die Trinität Gottes eher unglücklich, dient nicht mehr der helfenden Verkündigung. Denn «Person» ist im heutigen Verständnis das ganze Wesen, während «Person» in Antike und Mittelalter nur die Grundlage (substantia, so bei Boethius, griechisch: hypostasis) des Wesens ist. Bruder Klausens Theologie der Dreifaltigkeit, wie sie Ambühl vermittelt, ist wesentlich einfacher und für unsere Zeit eine echte Hilfe: ein Ursprung, drei Wörter, ein Gesang. Die drei Wörter sind Manifestationen Gottes. Gottes Wesen zeigt sich den Menschen in drei Manifestationen. Bruder Klaus verwendet in seinen Imaginationen oft auch Metaphern (Vergleiche) aus dem intensiv beobachteten Alltag, so vergleicht er etwa den Dreiklang des Wortes mit dem Klang der Feder in einem Schloss.
  
Das Geben in Barmherzigkeit
  
Ein weiteres Highlight in der wunderschönen Imagination ist die Stelle, wo der Fremde einen Hut hinhält, um eine Gabe bittet. Wölflin deutet diese Begebenheit sofort schultheologisch aus, wiederum in bester Kenntnis der antiken Sprachen: Der Fremde bedankt sich für die Gabe, worin Bruder Klaus erkennt, dass die Barmherzigkeit – eleemosyna – das grösste Werk der Frömmigkeit ist. Leider wird wegen der Wortverwandtschaft dieses Wort, oft mit Almosen statt mit Barmherzigkeit übersetzt (so bei Robert Durrer und Josef Konrad Scheuber). Wöfllin interpretiert oft seine eigenen Auffassungen in sein Werk hinein, hier allerdings zu Recht. Was der anonyme Autor des «Pilgertraktats» (Heinrich Gundelfingen) jedenfalls des Langen und Breiten über die Werke der Barmherzigkeit schreibt, hat sehr wohl einen Bezug zu Bruder Klausens Fähigkeiten der Imagination. – Auffällig bei Ambühls Schilderung ist in dieser Begebenheit, dass Bruder Klaus plötzlich, wie ein Wunder, ein Geldstück in der Hand hat und nicht weiss, woher es gekommen ist. Der Sinn ist dieser: Alles, was der Mensch Gott geben kann, hat er bereits von ihm bereits vorher empfangen. Der barmherzige Gott gibt und der Mensch soll hierin Gott nachahmen, selber barmherzig und zum Geben bereit sein.
  
Kreuz und Bärentatze – durch Mitleiden zur Überwindung, zum Sieg
  
Bei Wölflin endet die Vision an dieser Stelle scheinbar. Doch im Paragraphen 17 findet sie dennoch eine Fortsetzung, wo der fremde Herr als drei Personen erscheint, wobei nur einer redet. Diese geben ihm das Kreuz als Zeichen der Passion und versprechen ihm für das Ende der Erdenzeit die Siegesfahne mit dem Emblem der Bärentatze.
  
Bärentatze, Kreuz, Eheringe
Der neugierige Flüelibauer will in Ambühls längerer Fassung wissen, wer der Fremde ist und woher er kommt. Das erklärt ihm der Fremde zwar nicht mit Worten sondern mit dem weiteren Verlauf der Imagination, in der er viermal das Aussehen ändert. Zuerst verwandelt sich der Reisende in einen stattlichen, adligen Herrn in seiner Residenz. Die Kleidung scheint beinahe transparent zu sein, was auf die dritte Manifestation Gottes, den Heiligen Geist, hinweisen könnte, aber auch auf die Wohlgestalt des in Jesus menschgewordenen Gottes. Eindeutige Beziehungen zur Dreifaltigkeit sind hier nicht ohne weiteres gegeben. Es geschehen beim Wandeln dieses Gottes auf Erden viele Wunder.
Aber viele Menschen, die meisten, wollen mit ihm nichts zu tun haben, sie kehren der Wahrheit – wie ihn der Autor des Johannesevangeliums (14,6; vgl. Eph 4,21) nennt – den Rücken zu, in ihren Augen gilt er als ein Verworfener. In ihrer Lebensweise haben Worte und Taten Jesu keinen Bezug. Sie sind hartherzig, ihr Herz ist ein verhärtetes Geschwür, der «Eigennutz» heisst – wohlgemerkt nicht «Selbstliebe» – das pure Gegenteil der Caritas («Liebe» in biblischer Sprache), der Barmherzigkeit, des Mitleidens, der Mitmenschlichkeit überhaupt. Darum wird der fleischgewordene Gott zum Schmerzensmann, er wird in seiner Passion geschlachtet wie ein Lamm, er zeigt sich Bruder Klaus wie ein Bild im Schweisstuch der Veronika. Doch der Fremde verwandelt sich abermals, jetzt erscheint er wie ein Bärenhäuter, wie ein Berserker. Er ist jedenfalls von oben bis unten mit einem Bärenfell bekleidet, das mit Gold besprenkelt ist. So blitzt diese Bärenhaut wie eine blank polierte Waffenrüstung (Helm, Schild, Brustpanzer und Beinschienen). Der durch Menschen getötete Gottmensch kann in seiner Allmacht nicht im Tod verharren sondern er, das Leben (Joh 14,6), besiegt den Tod. Es ist höchst eigenartig, wie in der Bruder-Klaus-Literatur nirgendwo von der Auferstehung Jesu die Rede ist, ausser eben hier in einem fast schon archaischen, vorchristlichen Symbolik (C. G. Jung würde hier von einem Archetyp sprechen).
  
Bruder Klaus und der Bär
  
Es ist sehr auffällig, wie beide Überlieferer der Imagination den Bären symbolisch einflechten, wenn auch in je anderen Zusammenhängen. Was bedeutet nun für Bruder Klaus der Bär? Was den Menschen in seiner Zeit? – Der Bär galt bei den einen Menschen als heiliges Wesen (König der Tiere), etwa bei den Kelten und bei den Indianern Nordamerikas. Bei den germanisch stämmigen Völkern war der Bär jedoch der Inbegriff der rohen Gewalt, des Bösen an sich. Zudem war dies nicht verwunderlich, wenn es noch mündliche Sagen von den Vorhfahren aus der Steinzeit gab, als das übermächtige Monsterwesen, der Höhlenbär (Ursus spelaeus, vor etwa 10'000 Jahren ausgestorben) noch existierte, der wesentlich grösser war (aufrecht stehend bis zu 3m hoch) als der heute noch lebende europäische Braunbär (Ursus arctos). Auch in der Bibel erscheint der Bär als Bestie, welcher Kinder reisst (2 Kön 2,24). – Demgegenüber wird in vielen Heiligenlegenden der wilde Bär durch die Gegenwart der Macht Gottes gezähmt, so etwa bei Gallus (Bär mit dem Brögeli, Wappen der Stadt St. Gallen), oder bei Korbinian (gesattelter Bär, im Wappen des Papstes Benedikt XVI.), bei Bruder Klaus tritt der Bär nur symbolisch auf, als der besiegte Bär, dem jede Lebenskraft weggenommen worden ist.
  
Das Böse galt es zu überwinden, gerade auch im christlich-spirituellen Sinn. Die Kraft des Bären erscheint in seiner Tatze, mit der er zuschlägt und tötet. Dem Bären die Tatze abschneiden, bedeutet: ihn wehrlos machen, seine Gewalt überwinden. So ist das Emblem von Bruder Klaus erklärbar: die Bärentatze. Der griechische Name «Nikolaos» bedeutet ja auch ziemlich wörtlich: «Sieger des Volkes», «Sieger aus dem Volk». Niklaus überwindet die Kraft des Bösen, sein starker Glaube ist standfest, beharrlich, unbeirrbar auf dem rechten Weg wandelnd. – Christus, der Auferstandene, hat das Böse in all seiner Gewalt besiegt und erscheint deswegen hier als «Bärenhäuter».
  
Mit dem Bärenfell gibt es quasi auch historische Zusammenhänge: Die Berserker waren nordische Krieger, die ihres Mutes und ihres blinden Draufgängertums wegen als unüberwindlich galten; sie hatten als Umhang ein Bärenfell (ber sark) und als Kopfzier oft auch den Schädel eines Bären.
  
Der «Bärenhäuter» erhielt seinen Ruf als Faulenzer erst in späterer Zeit, vorher war eine andere Sage mit diesem Namen verbunden. In der Schlacht von Varna 1444 wurde fast ein ganzes christliches Heer von den Türken aufgerieben. Einige konnten aber entkommen, so auch der Landsknecht Georg Thalhammer, sie konnten in einen Wald fliehen und sich verborgen halten. Da erschien ein Fremder, der Georg Hilfe versprach, wenn er ihm dafür die Seele übergebe. Der Soldat wollte zunächst nicht, liess sich aber von den geschilderten Bildern (Imaginationen) derart beeinflussen, dass er in den Handel einwilligte, allerdings befristet auf drei Jahre, in denen er sich weder waschen noch das Bärenfell ausziehen durfte, ansonsten seine Seele dem Teufel gehören würde. So kleidete ihn der Teufel in eine Bärenhaut. Weil er derart schmutzig daherkam, versetzte er überall die Menschen in Angst und Schrecken. Aber bald hatte seine seltsame Erscheinung auch etwas Anziehendes an sich, und die Menschen erkannten, dass in ihm höhere geistige Fähigkeiten schlummerten – eigentlich war es nur der «gesunde Menschenverstand» –, er lebte als Einsiedler am Stadtrand, und die Menschen kamen von überall her, um bei ihm Rat in allerlei Lebenslagen zu holen. So blieb Georg Thalhammer standhaft in seiner Bärenhaut und überstand die dreijährige Frist, in der er sich sogar ein ansehnliches Vermögen erwerben konnte. Damit war natürlich der Teufel nicht zufrieden. – Die ganze Sage ist hier zu finden: • SAGEN.at • – Eine andere Version der Sage erzählen die Gebrüder Grimm in ihrer Märchensammlung. – Jedenfalls sieht es beinahe so aus, dass Bruder Klaus diese Sage gekannt hatte, was sich in der Reaktion gegenüber den drei Herren (Wölflin, §17) vermuten lässt. Bruder Klaus will keinen Pakt mit dem Teufel, wozu er sich hier versucht sieht. Allein im lebendigen Gottesglauben sieht er sein Leben und seine Zukunft und in der Liebe zur Wahrheit.
  
Was aber ist denn das Böse? – Allgemein gesagt, das Böse schlechthin ist der Unfriede in Form von physischer, verbaler oder struktureller Gewalt – auch Geld kann eine Form der unfriedlchen Gewalt sein. Ohne Gerechtigkeit und ohne Wahrheit kann es keinen Frieden geben. Unwahrheit und Ungerechtigkeit ist eine unfriedliche Gewalt. Sicher im Kontext der Vision ist die Wahrheit zuerst einmal Jesus im Johannesevangelium (14,6). Die Menschen draussen auf dem Markt dieser Welt haben der Wahrheit den Rücken gekehrt. Nun wuchert an ihrem Herzen ein mächtiges und hässliches Geschwür, das «Eigennutz» heisst. Eigennutz, was ist das? Wenn Menschen um ihre Interessen (persönliche oder kollektive) zu wahren, auch bereit sind, Ungerechtigkeit und Unwahrheit in Kauf zu nehmen – etwa ein skrupelloser, egozentrischer Opportunismus. Die Wahrheit in der Person Jesu und die Wahrheit in der jeweiligen Sache sind nicht voneinander zu trennen. Das gilt für alle in gleicher Weise.
  
Abbildungen: Fahne mit der Bärentatze, Metallplastiken von André Bucher auf dem Weg der Visionen Flüeli–Sachseln – oben: Vision bei Heinrich Wölflin vom Besuch der drei Herren und dem Versprechen des Siegesbanners; unten: Vision Dorotheas, Bruder Klaus mit dem Bärentatzen-Emblem – Fotos: Karl Gähwyler

Drei Visionen überliefert durch Caspar am Büel (originalsprachlich, PDF)
  
Respektvoller Umgang mit Quellen
  
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