Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Die Brunnenvision · Kern der Spiritualität
  
Synoptischer Vergleich
  
Die Brunnenvision von Bruder Klaus ist zweifach überliefert. Die Version von Caspar am Büel (Ambühl) vor 1500 wurde durch ihn mündlich überliefert und vermutlich in Engelberg niedergeschrieben. Die nur noch als Fragmen erhaltenen Blätter wurden später mit einer Inkunabel zusammengebunden und im Frauenkloster St. Klara in Stans aufbewahrt. Die Schrift blieb der Öffentlichkeit verborgen und wurde erst um 1928 im Kloster Wesemlin in Luzern wiederentdeckt und von Kapuzinerpater Adalbert Wagner publiziert. Caspar am Büel war höchstwahrscheinlich ein Enkel von Bruder Klaus, Sohn der Verena von Flüe in Altsellen (nahe Engelberg), aus zweiter Ehe mit Hensli Onofrius aus der Sippe «am Büel».
  
Etwa gleichzeitig dürfte die Version von Heinrich Wölflin in der Bruder-Klaus-Biografie von 1501 niedergeschrieben worden sein (dessen Originaltext auch erst 1948 von Pater Thomas Käppeli OP in der Staatsbibliothek in Neapel wiedergefunden wurde). Wölflins Version basiert auf einer anderen mündlichen Quelle, welche der Berner Humanist in Sachseln gehört hatte. – Hier nun die je sinngemässe Gegenüberstellung beider Versionen:
  
Caspar am Büel · Quelle 068
  
Heinrich Wölflin · Quelle 072
  
1) Ein Mensch unterbrach seinen Schlaf, wie es Gottes Wille war, um sein Leiden zu betrachten. Er dankte Gott wegen seines Leidens und seinern Martern. Gott aber gab ihm die Gnade, dass er darin Kurzweil und Freude hatte. Dann legte er sich wieder zur Ruhe.
  
  
2) Doch in seinem Schlaf oder in seinem Geist dünkte es ihn, als ob er auf einem Dorfplatz stünde. Hier sah er eine grosse Zahl von Menschen, die alle hart arbeiteten und trotzdem so arm waren. Er stand da und schaute ihnen zu und wunderte sich sehr, dass sie so viel arbeiteten und dennoch so arm waren. – Plötzlich zeigte sich auf der rechten Seite ein Tabernakel, wohlerbaut.
   
In dieser Vision wanderte er weiter und gelangte an einen Ort, der aus wenigen Häusern bestand, aber durch einen herrausragenden Palast geschmückt war.
3) Eine offene Türe führte hinein. Und er dachte bei sich: Du musst in den Tabernakel hineingehen, du musst schauen, was sich drinnen befindet und musst schnell durch die Türe eintreten. Er kam in eine Küche, die einer ganzen Gemeinde gehörte. Zur rechten Hand führte eine Treppe hinauf, vielleicht vier Stufen hoch. Ein paar Leute sah er hinaufgehen aber nur wenige. Ihm schien, ihre Kleider seien weiss gesprenkelt.
  
Er trat in diesen Palast ein und gelangte zu einer Treppe von zehn Stufen.
4) Er bemerkte, wie die Stufen herab, zur Küche hin, ein Brunnen in einen grossen Trog floss. Dieser enthielt dreierlei: Wein, Öl und Honig. Dieser Brunnen bewegte sich so schnell wie der Blitz und entfachte ein brüllendes Tosen, so dass der Palast laut erschallte wie ein Horn. Und er dachte bei sich: Du musst die Treppe hinaufsteigen und schauen, von woher der Brunnen kommt. Zugleich wunderte er sich sehr, dass die Leute so arm waren und nicht zum Brunnen kamen, um daraus zu schöpfen, obwohl er doch für alle da war.
  
Unter ihr sah er einen Brunnen aus Öl, Wein und Honig gemischt hervorfliessen. Zugleich hörte er eine Stimme erschallen, welche verkündete: «Die Dürstenden sollen das Nass aus diesem Brunnen schöpfen.» (Jes 55,1; Joh 7,37) – Erschüttert und erstaunt zugleich, wunderte es ihn, den Ursprung dieses ungewöhnlichen Flusses zu sehen und die Stufen hinaufzusteigen.
  
5) Mit diesen Gedanken ging er die Stiege hinauf und gelangte in einen weiten Saal. In der Mitte sah er einen viereckigen Kasten stehen, aus dem der Brunnen sich ergoss. Er näherte sich dem Behälter und betrachtete ihn. Während er auf den Kasten zuging, sank er ein, genauso wie wenn man durch einen Sumpf schreiten will. Da zog er schnell die Füsse an sich. Und er erkannte in seinem Geiste, wer nicht schnell seine Füsse an sich zieht [und sich tragen lässt], kann nicht zum Brunnenkasten hingelangen. Er fand eine Art Becken mit der gleichen Flüssigkeit gefüllt. Aber woher, aus welchen Höhlen sie floss, konnte er nicht in Erfahrung bringen. So wurde der Gottesmann noch stärker in das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit eingeweiht. Er erkannte, wie sie durch keine Grenzen eingeengt wird, wie sie sich den Dürstenden masslos mitteilt und wie man ohne die Stufen der zehn Gebote auch nicht zum geringsten Erkennen der Gottheit gelangen kann.
  
6) Der Behälter war auf den vier Seiten mit eisernen Blechen beschlagen. Und dieser Brunnen floss durch eine Röhre hindurch, dabei gab es einen so schönen Gesang im Brunnenkasten und in der Röhre, dass es ihn sehr erstaunte. Dieser Brunnen war so klar, dass jedes Menschenhaar auf seinem Boden zu sehen gewesen wäre. Und wie gewaltig er sich auch ergoss, so war doch der Kasten stets wimpernvoll, so dass er unaufhörlich überquoll. Und es dünkte ihn dabei, wieviel auch daraus floss, es war wohl dennoch immer mehr darin. Er sah, wie es aus allen Ritzen tropfte und zischte.
  
7) Nun dachte er bei sich: Ich will wieder hinabsteigen. Als er das tat, sah er den Brunnen mächtig in den Trog fliessen und meinte: Ich will hinausgehen und schauen, was denn die Leute so sehr beschäftigt, dass sie nicht hineinkommen, um aus dem Brunnen zu schöpfen, worin doch ein so grosser Überfluss ist.
  
Wie wenigen solches gelingt, zeigte der geringe Andrang bei jenem Brunnen.
8) Er ging zur Tür hinaus. Dort sah er die Leute schwere Arbeit verrichten, und trotzdem waren sie sehr arm. Nun achtete er genau darauf, was sie denn tun. Da bemerkte er einen, der hatte mitten durch den Platz einen Zaun errichtet, er stand vor einer Schranke und verwehrte mit der Hand den Leuten das Weitergehen. Er sagte ihnen, ich lass euch weder hin- noch hergehen, es sei denn, ihr gebt mir den Pfennig. Ein anderer stand da und jonglierte mit Knebeln, dabei sagte er, es ist dazu erdacht, dass ihr mir den Pfennig gebt. Dann sah er Schneider, Schuhmacher und allerlei Handwerksleute. Und jedesmal, wenn sie ihre Arbeit verrichtet hatten, waren sie hinterher dennoch so arm, wie wenn sie gar nichts bekommen hätten. Niemand sah er hineingehen, um aus dem Brunnen zu schöpfen.    Nachdem er eine kurze Zeit hier fröhlich verweilt hatte, ging er auf ein weites Feld hinaus. auf dem es von einer grossen Menschenmasse wimmelte. Wie Ameisen, im Eifer für Gewinn und weltlichem Reichtum, liefen sie durcheinander. Die einen hatten einen Zaun errichtet und liessen niemand ohne Zollabgabe durch. Andere hatten über einen Fluss eine Brücke gebaut und verlangten von den Reisenden das Brückengeld. Wieder andere standen mit Flöten, Pauken und anderen Musikinstrumenten bereit, begannen aber nicht zu spielen, bevor ihnen nicht im voraus der Lohn bezahlt wurde. Das ist die Bedeutung der menschlichen Nichtigkeiten für die Seele, wie er erkannte. Beinahe alle auf der weiten Welt suchen nach ihrem eigenen und bloss vorübergehenden Vorteil und werden dadurch abgehalten, zum Brunnen hinzugehen, stattdessen gehen sie in ihr Verderben.
  
9) Als er dastand und den Leuten zusah, verwandelte sich die Umgebung und bekam die schroffen Umrisse der Gegend bei Bruder Klausens Kapelle, wo er seine Zelle hatte. Und er erkannte in seinem Geiste: Dieser Tabernakel ist Bruder Klaus.

Die ältere Version Ambühls erscheint lebensnaher, authentischer und so besser passend zum Charakter des Einsiedlers Niklaus. Während die Fassung Wölflins bereits Interpretationen auf einer zweiten Ebene enthält. Besonders auffällig ist beim Berner Humanisten die Zahl Zehn der Treppenstufen, die genau zu den zehn Geboten passt, wie auch sonst der starke Hinweis auf die Bibel, besonders zur Hoffnung machenden Vision im Buch Jesaija:
  
«Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zahlt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.» (Jes 55,1–2).
  
In Joh 7,37 steht diese Aufforderung, zum Wasser des Lebens zu kommen, völlig im Zusammenhang mit dem Kommen des Geistes. Die Brunnenvision deutet also auf das Pfingstereignis hin und nicht primär auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit.
  
Bei Ambühls Version ist dieser Bezug ebenfalls gegeben, wenn auch etwas anders, nämlich in der dreifachen Symbolik im Inhalt der Flüssigkeit: Wein, Öl und Honig. Im Pfingsthymnus «Veni, Creator Spiritus» (Komm, Schöpfer Geist – 9. Jh.) wird in der zweiten Strophe der Geist Gottes ein «lebendiger Brunnen» (fons vivus) genannt und daran anschliessend «Feuer» (ignis = Wein), «Liebe» (caritas = Honig) und «Seelensalbung» (spiritalis unctio = Öl).
  
Es gibt in der Bruder-Klausen-Literatur noch einen dritten Text der auf die Brunnenvision hinweist, der «Pilgertraktat» (
Quelle 048), wo der unbekannte Pilger in seiner eigenen Interpretation des Radbildes von Bruder Klaus schreibt: «... er [Gott] ist ein Brunnen, aus dem alle Weisheit ausfliesst, diese wird dem mitgeteilt, der ihrer aus echter Liebe begehrt. Das ist die süsse Einfliessung des Heiligen Geistes, dadurch es uns ermöglicht wird, dass wir seine klare Gottheit ewig anschauen können.»

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Drei Visionen überliefert durch Caspar am Büel (originalsprachlich, PDF)
  
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